Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- 5 (1937)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1937)
- Date
- 1937-01-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Abrabanel besaß besondere Sprachkenntnisse, hatte Welterfahrung und einen Blick für politische Zusammenhänge. Er hat deshalb beispielsweise in der Behandlung der Epoche der Blüte und des Verfalls des israelitischen Reiches besonders neue Aspekte aufzeigen können. Er war — meines Wissens — der erste Jude, der christliche Kommentare benutzte, eine wissenschaftliche Behandlung der Bibel vornahm, eine Systematik in unsere Tradition zu bringen versuchte und jedes dieser Bücher mit Einleitung und Inhaltsangabe versah. Er begnügte sich nicht mit dem Studium der hebräischen Grammatik, wie man es bis zu seiner Zeit getan hat. Er verstand etwas von Soziologie und studierte gewisse Epochen unter juristischer Perspektive. Er zeigte das Weltbild, die Lebensart und die Struktur einer jeden Epoche auf. Der Begriff des Stils in der hebräischen Sprache spielt bei ihm erstmalig eine Rolle. Und wäre er nicht etwas weitschweifig in seiner Art, seine Werke wären viel bekannter als sie es heutzutage wirklich sind. V. Von Jugend auf hatte er einige Lieblingsgedanken, mit denen er sich geistig auseinandersetzte: Das Problem der speziellen Vorsehung, die Mission des Judentums und besonders das Problem der Totenauferstehung, was in seiner Gedankenwelt ein und dasselbe bedeutet wie der Messianismus. Wenn man den Rahmen dieses Aufsatzes nicht sprengen will, so kann man kaum den Versuch machen, in sein gesamtes Gedankengebäude einzuführen. Er selbst hat seine Weltanschauung nicht systematisiert. Und ein Werk, das seine Welt wirklich erfaßt, ist noch nicht geschrieben worden. Mitten aus meiner — sich noch in Vorbereitung befindenden — größeren Arbeit über ihn möchte ich nur einen Gedanken herausgreifen, weil er für ihn typisch ist und den Zutritt zu seiner Welt am ehesten eröffnet: den der Totenauferstehung und des Messianismus. In der Einleitung zu seinem Jesajah-Komentar meint Abrabanel, daß dieser Prophet bereits vierzehn Grundsätze zu diesem Problem aufgestellt hatte. Es ist dabei in diesem Zusammenhang unerheblich, ob sie wirklich von Jesajah stammen, oder ob — wie ich in meiner Arbeit werde nachzuweisen suchen — Abrabanel diese Gedankengänge in Jesajah hineinkonstruiert hat. Aber in jedem Fall sind sie für die Beurteilung des Wissenschaftlers Abrabanel charakteristisch. Abrabanel — um nur die wichtigsten Punkte herauszugreifen — führt hier den Beweis, daß ,,Techijat — Hametim", die Totenauferstehung, in Wirklichkeit eine körperliche sein wird, und zwar eine Wiederverknüpfung der Seele mit demselben Körper, in dem sie bereits gelebt hat. Ja noch mehr: Alle, die auferstehen, werden so sein, wie sie gewesen. Sie werden ihre Verwandten erkennen, sich ihrer Sinne bedienen können. Dieser Vorgang, meint er weiter, habe nichts mit dem natürlichen Prozeß zu tun, der in Lösung und Bindung von chemischen Stoffen besteht und den wir unter dem Namen „Konstanz der Energie" kennen. (Er macht hier einen Versuch der Abgrenzung sowohl gegen das Christentum wie gegen den Islam.) Diese nun so verstandene Totenauferstehung hat — nach Abrabanel — einen doppelten Zweck. Einen speziellen für die Juden und einen allgemeinen für die ganze Welt. Der spezielle Zweck besagt, daß die durch die Galut geplagten und gequälten, gottesfürchtigen Juden das Gute in jener Welt genießen und deshalb an der künftigen Erlösung teilhaben sollen. Der Anfang dieser „Techijat-Hametim" bedeutet zugleich das Ende der Galut, den „Kibuz-Galujot". Der allgemeine Zweck stellt sich nach Abrabanel so dar: Die Erschaffung der Welt hat das Ziel der wahren Erkenntnis Gottes auf Erden. Die Völker sind aber von diesem Wege abgeirrt und beten in 6