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Der jüdische Wille · 1936-10-01 · Heft 8-9 (Oktober 1936) · page 50

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Journal
Der jüdische Wille
Volume
4 (1936)
Issue
Heft 8-9 (Oktober 1936)
Date
1936-10-01
Page
– (sequence 50)
Language
German
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verlangt über ihn hinausgehend die Anerkennung der Offenbarung. Biegt er auch manchmal Achad Haam etwas ab und interpretiert ihn religionsphilosophisch zu Ende, wie man es ohne Wagnis kaum machen kann, so distanziert er sich doch glücklicherweise von jeder starren Dogmatik. Erfreulich und überraschend zugleich, daß Schlesingers religiös kritischer Standpunkt an verschiedenen Orten des Buches — so z. B. in der Auseinandersetzung mit dem Agudismus — auch als die offizielle Meinung des Misrachi hingestellt wird. III. Von diesem historischen Nationaljudentum aus, d. h. vom Standpunkt eines Menschen, der den jüdischen Volksgeist als das Schöpferische in der jüdischen Lehre ansieht und der auf dem Standpunkt steht, daß diese prophetische Lehre zu allen Zeiten in neuen Wirklichkeitsformen erscheint, aber im Grunde immer dieselbe bleibt, vom Standpunkt dieses historischen Nationaljudentums aus, daß in jeder Phase geschichtlicher Entwicklung die Religion mit beinhaltet, behandelt Schlesinger das Problem der Säkularisierung im heutigen Judentum. Nachdem er sich mit den Verneinern der Brith-Idee, wie z. B. Gordon, Berditschewsky, Hurwitz und Klatzkin und mit den Vertretern des Sonderungsstandpunktes wie Levy und Guttmann, d. h. den Vertretern der sogenannten Trennung von Staat und Kirche auseinandersetzt, schält er sehr klar seinen eigenen Einheitsstandpunkt (Einheit und Volk und Religion) heraus, um den Misrachismus vom Agudismus besonders scharf abzuheben. Schlesinger geht dabei von einer sehr gutgesehenen und gutformu- Herten Theorie aus, daß es eine Säkularisierung des Judentums gar nicht gibt, sondern höchstens eine Säkularisierung der Judenheit. Jeder Versuch, das Judentum zu säkularisieren, wäre gleich dem Versuch, das alte Judentum aufzulösen und ein neues zu gründen, das aber mit dem alten nichts mehr gemeinsam hat, als den Namen. Hört das Judentum eines Tages auf, das Brith-Volkstum zu sein, dann geht es einfach unter. Das Judentum ist für ihn das totale jüdische Volkstum, das alle Gebiete seiner materiellen und ideellen Gesamtkultur umfaßt, wobei die Brith-Idee das Determinierende ist. IV. Ich erinnere bei dieser Gelegenheit die Berliner Bundesbrüder an jenen Aussprache-Abend zwischen Rabbiner Broch und mir, über den wir auch hier berichtet haben, über das Problem der „Religion in Palästina". Ich stellte mich damals auf den Standpunkt eines evolutiven, historisch-positiven Judentums, ein Standpunkt, der in der 75jährigen Tradition der Breslauer Hochschule für jüdische Theologie fest begründet ist. Es ist erfreulich, bei der Lektüre des Schlesinger'schen Buches, diesen Standpunkt von einem offiziellen Misrachisten bestätigt zu finden. Mit Recht weist er den agudistischen Gedanken zurück, das ganze moderne jüdische Volksleben in Palästina in den engen Rahmen des Schulchan Aruch, also eines Werkes der späten Galut einzuspannen. Wenn er davon spricht, daß das moderne Totaljudentum am Gesetz festhalten muß, so betont er ausdrücklich, daß das nicht auf jede Einzelheit und auf ein dauerndes Festhalten an den zuletzt geprägten Formen bezogen werden kann. Das Festhalten an der Idee des B'rith ist ihm lediglich Grundlage und Ausgangspunkt. Und er erhofft vom neuen Leben in Palästina, daß das Gesetz eine neue kontinuierliche Entwicklung erfährt, eine neue Modifikation erlebt, so daß auf die mosaische Verwirklichung der Lehre die talmudisch-rabbinische und auf Grund dieser eine dritte neue Verwirklichung wird stattfinden können 264

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