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Der jüdische Wille · 1936-10-01 · Heft 8-9 (Oktober 1936) · page 49

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Journal
Der jüdische Wille
Volume
4 (1936)
Issue
Heft 8-9 (Oktober 1936)
Date
1936-10-01
Page
– (sequence 49)
Language
German
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Richtungen sehr übel genommen haben, daß sie nach dem „Sinn" des Juden-, tums gefragt haben. Wir sagten damals, in den ersten Anfängen zionistischer Ideologie, daß der Sinn des Judentums eben in der Existenzform dieses, Volkes begründet ist, und daß es unlogisch sei, nach dem Sinn eines lebendigen Volkes zu fragen. Wir beriefen uns damals auf die Tatsache, daß alle, anderen Völker, die ihr Leben bejahen, solche Fragen nicht stellen, und lehnten deshalb die ganze Fragestellung ab. Seit jener Zeit hat sich vieles verändert. Beweise für die Lebensfähig^- keit des jüdischen Volkes brauchen nicht mehr erbracht zu werden. Wir befinden uns mitten in der Verwirklichung unserer nationalen Aspirationen. Da das Judentum aber nicht lediglich ein Volk wie alle anderen Völker ist, sondern eine Synthese von Volk, Religion, Ethik und einem bestimmten.'' Gottesglauben — und dies wird, wenigstens für die Vergangenheit unseres;' Volkes, von allen Richtungen zugegeben — und wir uns in diesen Tagen' mitten im Aufbauwerk befinden, entsteht die alte Frage unter gegenwärtigen ' Gesichtspunkten von neuem: Worin besteht der Sinn des jüdischen Nationalismus? Worin besteht der Sinn eines nach seinem Lande zurückgekehrten ' Judentums? Was haben wir und was hat die Welt von diesem Aufbauwerk zu erwarten? '■ II. In diese Problematik, die nur kurz angedeutet sein soll, führt uns ein sehr geistvolles Werk von Abraham Schlesinger ein, das den Titel trägt: „Im Zeichen der Wiedergeburt" (Verlag Kedem, Berlin 1935). Es ist eine Sammlung jüdischer Essays, geschrieben in den Jahren 1912 bis 1934. Mit sehr verschiedenem Thema über völlig verschiedene Ge? biete, aber mit einem einzigen stereotypisch wiederkehrenden Motiv. Ob ein Essay über die Säkularisierung des Judentums handelt oder eine Cha-' rakteristik der Lehre Achad Haam's oder Bialik's gibt, — es geht immer' um dieselbe Frage der Erfassung des Judentums als Totalitätserscheinung, als Synthese von Nation und Religion, als Gottesbundestum, als das Volk mit der Idee des B'rith. Schlesinger geht von jenen Antworten aus, die die verschiedenen Richtungen im vorigen und in diesem Jahrhundert auf die Frage nach dem Sinn des Judentums gegeben haben. In einer geglückten Formulierung bringt er sie alle auf zwei Nenner, auf den des Wirkungswerts und auf den des Eigenwerts. Die assimilatorischen Richtungen, die entweder die Ethik oder die Religion des Judentums in ihren Wirkungen nach außen als das Wichtigste betrachtet haben, also das ethische Stammesjudentum und das religiöse Mis^ sionsjudentum, betonten beide, daß der Wert dieses so definierten Judentums eben in dieser Wirkung nach außen Hegt. Entweder sie glaubten an die guten moralischen Eigenschaften der Juden und hielten es für nötig, diese Qualitäten der großen Welt einzubauen, um das menschliche Weltbild zu ethisieren, oder sie glaubten daran, daß die' Religion des Judentums in ihrer monotheistischen Gottesauffassung lebenswert sei, weil sie der Welt reinen Gottesglauben bringe. Beide Richtungen betonten so den Wirkungswert des Judentums. Als Gegenströmung trat eine Generation auf, die den Wert des Judentums in seiner Gekehrtheit nach innen erblickten. Es war die Richtung, die Schlesinger das reine National judentum nennt. Nur sieht er in der Betonung des rein Nationalen ein Verlorengehen der jüdischen Substanz und proklamiert die Achad Haamistische These vom historischen Nationaljudentum als die beste Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Judentums. Er steht nicht ganz auf dem kritischen Boden Achad Haam's. Er 263

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