Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- 4 (1936)
- Issue
- Heft 8-9 (Oktober 1936)
- Date
- 1936-10-01
- Page
- – (sequence 47)
- Language
- German
- Belongs to
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in den Wirren des Weltkrieges besonders aufflammenden Gegensätze wächst stetig hier wie in den Nachbarländern die Nationalbewegung als das äußerlich sichtbare Zeichen der Europäisierung des Orients. Ihre materiellen Kräfte nimmt sie aus der langsam fortschreitenden Technisierung des Landes, ihre ideellen aber aus der Erinnerung an die vergangene Größe der orientalischen Völker, deren Geschichte sich in einem anderen historischen Bilde darstellt, als die europäische Geschichtsschreibung glauben läßt, Exponent der Wünsche und Ideale dieser Nationalbewegung ist Resa Pahlavi, der als Soldat und Offizier beginnt, und dem schließlich die innerlich und äußerlich unterhöhlte Dynastie die Herrschaft abtreten muß. Bedauerlich, daß der Autor, der sich gelegentlich auch mit dem bekannten Buch von Hans Kohn über die Geschichte der Nationalbewegung im Orient auseinandersetzt, die Haltung der Juden inmitten des Aufstandes der neuen Militärpartei grundlos ironisiert. Im übrigen aber ist das Buch eine gelungene Schilderung der nationalen, kulturellen und religiösen Tendenzen des Landes, wobei freilich die kritische Haltung des Autors gegenüber England und der englischen Politik in Vorderasien die objektive Darstellung des Geschehens und der Aspekte für die Zukunft nicht unwesentlich beeinträchtigt. Der Kampf um das persische Oel steht auch am Beginn der Lehrjahre eines anderen Fürsten, der in der orientalischen Welt allmählich zu entscheidender Macht gekommen ist, des Königs Ibn Saud von Arabien. In Koweit, dem halb selbständigen Sultanat am Persischen Golf, das, umlagert von englischen, französischen, deutschen und türkischen Wünschen, aus ihrem Widerspiel die Möglichkeit seiner eigenstaatlichen Existenz zieht, beginnt Ibn Saud die hohe politische Schule. Die Entwickelung dieses einzigartigen Mannes vom Flüchtling inmitten seiner in Stammesfehden zerriebenen Familie zum Beherrscher des größten Teils Arabiens ist staunenerregend, und D o n - c a n versteht es, in stilistisch hervorragender und nie ermüdender Leichtigkeit dieses Lebensbild zu zeichnen. (Rupert D o n c a n : „Die Auferstehung Arabiens", Ibn Sauds Weg und Ziel, Wilhelm Goldmann Verlag, Leipzig 1936.) Zwei Ziele stehen diesem Herrscher vor Augen, die Einigung Arabiens unter einer starken Zentralgewalt, und, um dem neugeschaffenen Reich Bestand zu geben, die Seßhaftmachung der nomadisierenden Beduinen. Der in zionistischen Kreisen bekannte Kampf Ibn Sauds gegen die Familie der Haschimiten und die Eroberung Mekkas, die Niederwerfung von Assir, und schließlich die Unterwerfung Jemens sind die Etappen dieses politischen Kampfes. Was aber zwischen diesen Etappen an beständigen Fehden und Kämpfen von einer Grenze des Reiches zur anderen, nächtlichen Zügen, Niederwerfung von Gegnern im Innern, Beschwichtigung der kritisierenden Geistlichen-Partei, und wieder Kämpfen und Aufständen liegt, das wird erst klar, wenn man die vielfältigen Bindungen und Spaltungen, die Religion und Sektiererei, Stammeszusammengehörigkeit und Familienzwist in der arabischen Welt schufen, zu durchdringen beginnt, wie es Doncan unternimmt. Schon nach den ersten Erfolgen wird das zweite Ziel in Angriff genommen, und die Seßhaftmachung der Ichwan-Krieger als der stärksten Stütze der Saud'schen Macht, ihre Kolonisation, die Notwendigkeit bebaubaren Boden und Wasser zu finden, gibt manche Parallele zu unserer Arbeit in Palästina, wenn natürlich auch das Hauptproblem, nämlich das der Menschen, die zur Ansiedlurig reif gemacht werden sollen, in keiner Weise verglichen werden kann. Das Buch, das durch einen eingehenden Literaturnachweis eine vorzügliche Uebersicht über die Erscheinungen nicht nur der letzten Jahre auf dem Gebiete der Orientpolitik vermittelt, bemüht sich, die verschiedenen Fäden und Strömungen der englischen Politik, wie sie gerade im Wechselspiel Ibn - Sauds - Hussein so deutlich und gleichzeitig dem Außenstehenden so unklar geworden sind, zu 261