Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- 4 (1936)
- Issue
- Heft 8-9 (Oktober 1936)
- Date
- 1936-10-01
- Page
- – (sequence 43)
- Language
- German
- Belongs to
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dieses Abrisses etwa so empfinden, wie wenn wir eine fremde Stadt besichtigen, dabei aber hauptsächlich die Besonderheit und die Gesamtstimmung des Stadtbildes in uns aufnehmen wollen, ohne jeden Straßenzug oder jedes Gäßlein ins Einzelne zu erfassen. Diese Gesamtschau wird hier gegeben, wobei die Gesetzmäßigkeit des jüdischen Geschichtsablaufes, das sogenannte Judenschicksal prägnant zum Ausdruck kommt, wenn wir bedenken, daß sich Anfang und Ende die Hände reichen, Es ist an dem gegenwärtig lebenden Volk, zu erfassen, daß jüdische Geschichte nicht verweltlicht werden darf, sondern daß das neue Palästina die Durchsetzung des alten Gottesprinzips in unserer Geschichte verkörpern muß. „Dieses Volk hat die Zeiten überwunden durch seine Treue allein, mit der es sich immer wieder zum göttlichen Gesetz der Thora fand." Unter dieser Grundauffassung rollt das Geschehen. Es hätte keinen Sinn, zu wünschen, daß diese Einzelheit durch jene ersetzt wäre, das spielt hier keine Rolle. Hier hat einer versucht, das Volk nicht nur in seinen örtlichen und zeitlichen Erlebnissen, sondern auch in seinem Charakter und unter dem Leitstern seiner Ideale vor dem Leser erstehen zu lassen. Daß ihm dies in einem eindrucksvollen kleinen Geschichtsbild gelungen ist, soll anerkennend festgehalten werden. Eine kurzgefaßte französische' Ausgabe von Simon Doubnow, Precis d'histoire j u ive des origines ä 1934 (Editions des Cahiers Juifs Paris) wirkt mehr als Geschichtsbuch. Sie ist auch von einem reinen Fachhistoriker geschrieben, der im öffentlichen Leben keine andere Vertretung des jüdischen Denkens ausübt. Diese Darstellung von etwa 300 Seiten ist in ihrer Datenauswahl vielleicht lehrreicher als die obengenannte Zusammenstellung, sie will wohl auch mehr informieren und weniger sinngeben. Die Vorzüge der Forschungsarbeit von Dubnow sind bekannt; sie kommen in diesem kleinen — von I. Pougatz übersetzten und von Andre Spire eingeleiteten — Buch durchaus zur Geltung. Dieses mit aufschlußreichen Illustrationen versehene Werk darf zur Orientierung über jüdische Geschichte außerordentlich empfohlen werden, da die Fakten und Daten auf einer besonders sorgfältigen Auslese beruhen. Weniger auf Fakten und Einzelzahlen, sondern nur auf die grundlegende Periodisierung und Sinngebung zielt Die Konstruktion der jüdischen Geschichte von Heinrich Graetz (Bücherei des Schocken- Verlags Nr. 59, Berlin 1936). Von 90 Jahren schrieb der damals noch unbekannte spätere große Historiker die erste zusammenhängende Philosophie oder Begründung der jüdischen Geschichte, die in der von Zacharias Frankel herausgegebenen „Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judentums" erschien. Graetzens „Konstruktion" ist also das erste konstruktive Werk zu einer grundlegenden nach Epochen geordneten jüdischen Geschichtsphilosophie, das heute noch Beachtung verdient, weil Inhalt und Bedeutung in dieser gültigen Form von innen heraus empfunden bis zur Stunde nicht wieder solchen Ausdruck gefunden haben, und weil der Gedankengang in seiner Tiefe und Geschlossenheit Berechtigung besitzt gegen alle Versuche einer Verdünnung des Judentums. In einem ausführlichen Nachwort weist Ludwig Feuchtwanger der Konstruktion den geistigen Standort zu, von dem aus sie verstanden und als Schlüssel einer mit Sinn und Absicht belasteten Geschichtsschreibung anzusehen ist. Die weitsichtigen und sinnsprechenden Ausführungen Feuchtwangers verstärken den Eindruck, daß wir es in der wiederaufgelebten Konstruktion nicht mit einer interessanten Ausgrabung zu tun haben, sondern mit einer grundlegenden Schrift, die von einer Gegenwart, die wieder Verständnis für den systematischen Sinn jüdischer Geschichte gewonnen hat, dankbar als Beitrag zur Erfassung des eigenen Seins aufzunehmen ist. 257