Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- 4 (1936)
- Issue
- Heft 8-9 (Oktober 1936)
- Date
- 1936-10-01
- Page
- – (sequence 40)
- Language
- German
- Belongs to
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Mit dem Zusammenbruch der Mongolendynastie verschwanden auch die Juden. Entweder wanderten sie aus oder gingen im chinesischen Volke auf, da weiterer Zuzug ausblieb. Wenn die Juden jener Zeit keine weiteren Spuren hinterlassen haben, so erklärt sich das aus zwei Gründen: Erstens war die Mongolenherrschaft relativ kurz, sie dauerte nur 90 Jahre. Dann aber war das Volk — anders als 500 Jahre vorher — den Juden gegenüber gleichgültig, wenn nicht ablehnend eingestellt, da diese mit der verhaßten fremden Herrscherschicht gekommen waren und von ihr begünstigt wurden. Die letzte Einwanderung von Juden nach China fand während der Mingdynastie (14.—17. Jahrhundert) statt. Im Gegensatz zu den vorhergehenden Einwanderungen erfolgte sie diesmal auf dem Seewege. Es handelt sich wohl um Ausläufer der großen Wanderung, die mit der Vertreibung aus Spanien begann. Auch diese Juden entgingen nicht dem Schicksal des restlosen Aufgehens im chinesischen Gastvolke, da es an frischem Nachzug fehlte. Aber heute noch finden sich Spuren jener Einwanderung in den nordchinesischen Provinzen Honan, Kiangsu und Chekiang. In Kaifeng, der Hauptstadt der Provinz Honan, gibt es heute noch Gedenktafeln, die von den dortigen Juden vor 300 Jahren zur Erinnerung an das zerstörte Beth Hasefer errichtet wurden. Dieses war durch Ueberschwemmungen vernichtet worden. Man baute es wieder auf, aber ein zweites Mal wurde es von den Fluten zerstört. Dann errichtete man an dieser Stelle drei Tafeln, auf denen die Geschichte des Baues und der Zerstörung in chinesischer Schrift und Sprache beschrieben ist. Außerdem sind die Geldspender für diese Tafeln aufgezeichnet, wobei neben jedem Namen auch der Stammort der Familie erwähnt ist. Daraus geht hervor, daß die dortigen Juden ursprünglich zumeist aus der Gegend von Yangchow stammten und also allmählich von südlicheren Gegenden nach den Nordprovinzen übersiedelten. Die Juden assimilierten sich vollkommen an die chinesische Umwelt und lebten ganz als Chinesen. Viele unterzogen sich den komplizierten Zivilprüfungen, der alt-chinesischen Methode der Qualifizierung für Beamtenstellen und bestanden sie mit Auszeichnung und Erfolg. Sie besetzten und verwalteten mit Glanz und Ehre hohe Posten, wie in überlieferten chinesischen Schriften berichtet wird. Mancherlei Sitten und Gebräuche sind heute noch in den erwähnten Provinzen im Schwange, für die es sonst keine Analogien in China gibt, und die sicherlich jüdischen Ursprungs sind. Z. B. wird auch auf die Juden die Sitte zurückgeführt, daß dort in manchen Gegenden bei Hochzeiten nur Seide getragen werden darf. Ferner wird in vielen Familien und in ganzen Dörfern heute noch die Beschneidung der Neugeborenen ausgeübt, wobei es den einzelnen völlig unbekannt ist, warum dies geschieht. Es ist eben so üblich in der Familie; der Urgroßvater machte es, der Großvater, der Vater, — also wird es entsprechend dem allgemeinen chinesischen Konservativismus traditionsgemäß weitergemacht, ohne daß irgendjemand den Sinn noch kennt. In Hsuchowfu gibt es heute noch einen Tempel für Adam und Eva, den einzigen dieser Art in ganz China. Das ist alles, was sich von den chinesischen Juden noch erhalten hat. Aber auch heute noch sind in Kaifeng in manchem chinesischen Gesicht Züge zu erkennen, die darauf schließen lassen, daß hier, wenn auch sejir vermischt und ungewußt, immer noch jüdisches Blut vorhanden ist. 254