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Der jüdische Wille · 1936-10-01 · Heft 8-9 (Oktober 1936) · page 23

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Journal
Der jüdische Wille
Volume
4 (1936)
Issue
Heft 8-9 (Oktober 1936)
Date
1936-10-01
Page
– (sequence 23)
Language
German
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in Cordova oder beispielsweise Cavour manches verrichtet haben, so sind „die Juden" und „die Italiener" daran durchaus unbeteiligt. An den Reden unserer alten Propheten, an den Lehren „unserer Weisen" sind unsere Bundesbrüder — wie wir alle — unschuldig wie Neugeborene. Wir dürfen es gerne annehmen, wenn andere uns ihretwegen rühmen, aber, wenn wir selbst es tun, machen wir uns eine Beweisführung der Assimilation zu eigen, die mit solchem Ahnenstolz eine leidlich ehrenvolle Ruhestellung des Judentums bezweckte und zu beschönigen suchte. Wenn der altjüdische „.JiAus" als eine herzerfreuende Tatsache hingenommen wird, so kann man ihn nur bejahen. Zur Begründung von Anschauungen oder Ansprüchen ist er nicht dienlich. Der Verzicht auf solche Velleitäten ist eine naturnotwendige Begleiterscheinung des jüdischen Neuaufbaues, den wir erleben. Eine harte Gegenwart stößt uns — oft wider Willen — zu den wirklichen Lebensquellen zurück und hat dem Herumstolpern in Sentimentalitäten ein jähes Ende bereitet. Die kläglichen Erörterungen, ob es überhaupt eine jüdische „Nation" gebe, sind verstummt, und es geht jetzt nicht mehr um „Schicksalsdeutung", um das „Geschichtserlebnis" der Juden und andere klingende Worte. Wenn man sich vorstellen wollte, daß — so wie heute in Palästina — sich schon früher irgendwo in der Welt ein geschlossener jüdischer Lebenswille bekundet hätte, so wäre die Wirkung gleichfalls eine Prestige-Erhöhung des Judentums gewesen und seine Freistellung von „Problemen", die nur für trübe Augen, die durch Gasschleier schauen, vorhanden sind. Automatisch hätten sich damit alle Nachtgespenster verflüchtigt. Es gibt Beweise hierfür für diejenigen, die Beweise brauchen. Uns liegt es am nächsten, auf Theodor Herzl hinzudeuten, der überall, wo er hinkam, als „Schtadlan" jüdischer Interessen Aufnahme fand und nur bei den „Großjuden" völlig durchfiel. Muß man sagen, um wie vieles besser wir heute dastünden, wenn es anders gewesen wäre? Ein anderes Beispiel stammt aus den Reihen dieser „Großjuden" selbst: Moses Montefiore. Als er 1840 von seiner erfolgreichen Reise nach Damaskus zurückkehrte, verlieh ihm die Königin die Ritterwürde wegen seiner Verdienste „um das jüdische Volk". Bis an sein Lebensende begleiteten ihn die oft bekundeten Sympathien der jüdischen und der nichtjüdischen Welt, und nur seine jüdischen Genossen vom „Board of Deputies" schauten auf sein Palästinawerk mit stillem Mißtrauen, das sich nicht hervorwagte, solange Montefiore im Mannesalter stand, und sofort offenbar wurde, als er — ein Neunziger — den Vorsitz niederlegte. Man begrub unverzüglich die Erinnerung an Montefiores herzenöffnende persönliche Aktivität hinter einen bürokratischen Fragebogen von nicht weniger als 207 Positionen. Dem war das junge Pflänzchen des Palästinaaufbaus nicht gewachsen. Die Skepsis war so groß und das Interesse am Aufbau im Grunde so gering, daß man diesen . frühen Tod verschuldete, ohne ihn eigentlich zu wollen. Für die Redlichkeit der Absicht bürgt der Name eines der Hauptbeteiligten: Samuel Montagu. Man kann sich schwer vorstellen, was geworden wäre, wenn Montefiores Nachfolger von größerer Hoffnung und weniger Klugheit erfüllt gewesen wären. Bestimmt wären auch dann die projektierten Pflanzungen in Palästina nicht in den Himmel gewachsen, aber wenn in jenem liberalen, beifallsbereiten Zeitalter eine Art „Jewish Agency" entstanden wäre — und ähnliches schwebte Montefiore tatsächlich vor, wenn auch nicht in organisatorisch festgefügter Form —, wenn das damals geschehen wäre statt in unserer schicksalsverhärteten und schicksalsbezwungenen Zeit, was dann geworden wäre, mag sich der freundliche Leser selbst ausdenken. 237

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