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Der jüdische Wille · 1936-10-01 · Heft 8-9 (Oktober 1936) · page 22

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Journal
Der jüdische Wille
Volume
4 (1936)
Issue
Heft 8-9 (Oktober 1936)
Date
1936-10-01
Page
– (sequence 22)
Language
German
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ols ob Kinder nach Sonnenvögelchen haschen, oder — gallig — als ob gierig über alles vernünftigerweise Zugängliche hinausgegriffen würde —, ein notwendig enttäuschender Blick hinter das verschleierte Bild von Sai's. Man findet tatsächlich unter den Vormündern des Nationalgefühls eine Fülle von Propheten, Helden, Dichtern, Narren und Kindern, lebende Zeugnisse des Mißverhältnisses zwischen Wirklichkeit und Hoffnung. Wir sind von der Echtheit ihres Liebens und Hassens überzeugt, aber von ihrem „Urteilen und Meinen" will uns manches verkehrt erscheinen. Begreiflich, daß ihr Auftreten auf der Bühne des öffentlichen Lebens seine Wunderlichkeiten hat. Aber in diesen zwischen Helden- und Narrentum hängenden Gärten gibt es Unkrautbeete einer politischen und philosophierenden Geschäftigkeit, die die nationalen Hoffnungen und Enttäuschungen, die nationalen Lebendigkeiten und Abgestorbenheiten, die Schwächen und Stärken zu nationalistischen ,Kola- Dragees verarbeiten, die sich vor allem durch eine Packung modischster Gefälligkeit auszeichnen, und die den Mangel an jeglichem Gehalt durch das persönliche Parfüm des Fabrikanten ersetzen. Solche gern genossenen nationalistischen Aphrodisiaken gibt es auf allen jüdischen Lebensgebieten. Sie ermöglichen es, sich das jüdische Leben in seiner ganzen zeitlichen Längen- und gegenständlichen Tiefenausdehnung ohne jede Mühe, ja, mit wahrem Genuß einzuverleiben. Da sind zunächst die literarischen Dragees. Wo soll man anfangen und wo aufhören? Die Judenfrage hat, wie man weiß, eine riesige Literatur in allen Sprachen emporwachsen lassen. Von der nicht-jüdischen Literatur wollen wir dabei nicht sprechen. Es ist nicht zweifelhaft, daß in nicht zu ferner Zeit von dem jüdischen Palästinasiedlungswerk feindlich gegenüberstehender Seite die arabische Behauptung, die Zionisten wollten den jüdischen Tempel wieder auf den Trümmern der Aksa-Moschee aufbauen, geschichtsphilosophisch erwiesen werden wird. Die Juden selbst haben sich erst seit 100 Jahren auf Beweismethoden mit geschichtsphilosophischer Unterbauung eingestellt, als sie gewandte Reformprediger vom Schlage Einhorn und Kohler je nach Bedarf des Publikums und eigener Lebenslage mit hübschen — manchmal wirklich hübschen! — Packungen in ungarischen, deutschen und amerikanischen Landesfarben versahen. Begreiflich, daß man den Mangel an Stichhaltigkeit bei Vertretern gegnerischer Anschauungen am schwersten empfindet. Als vor einigen Jahren das „rieimatrecht der deutschen Juden" geschichtlich bewiesen wurde, wurden uns die Schwächen der Beweisführung sehr schnell klar. Aber weil diese These falsch ist — gibt es denn im Völkerleben ein solches Recht? —, braucht die Antithese noch nicht richtig zu sein. Das geschichtliche Leben zeugt für Stärke und Schwäche, für Erfolg und Mißerfolg, selten für Talent und Unfähigkeit, aber nie für Recht und Unrecht. Man kann die Geschichte homiletisch nach der moralischen Seite hin ausnutzen — und das braucht keineswegs unfruchtbar zu sein —, ja man soll und muß es sogar, weil wir anders gar nicht könnten —, aber man soll eine Predigt nicht als eine Beweisführung aufmachen. Die national-jüdischen Beweisführungen dieser Art — nomina sunt odiosa -7sind nicht besser als diejenigen aus dem Lager der Assimilation; sie sind auch nicht schlechter, aber für uns empfindlicher. Es ist nicht nötig, den antisemitischen Beweisen von der Schädlichkeit der Juden Beweise von jüdischen Großtaten entgegenzusetzen. Die jüdischen Bürger waren im maurischen Spanien nicht anders als im modernen Amerika eine in Privatinteressen aller Art befangene und darum anonyme Volksmenge, und man kann die Großtaten Einzelner nur für diese selbst reklamieren. Wenn etwa Josef ibn Nagrela 236

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