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Der jüdische Wille · 1936-10-01 · Heft 8-9 (Oktober 1936) · page 12

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Journal
Der jüdische Wille
Volume
4 (1936)
Issue
Heft 8-9 (Oktober 1936)
Date
1936-10-01
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Nun — daran ist manches in der Tat wahr, nämlich so weit es die Tatsachen betrifft, und vieles sehr bösartig übertrieben. Richtig ist es schon mit der „offiziellen Hauptstadt" und mit der durch den Sitz der Universität und der vielen Zentralinstanzen bedingten Massierung der Beamten; und richtig ist es schon, daß es auf die aktiven Träger der zionistischen Arbeit in der Golah einen gewissen Reiz ausübt, nach ihrer Alijah gerade in der Stadt zu leben, in der nun eben die vielen vielen Bekannten und Mitarbeiter von Delegiertentagen und Actions-Comites und Kongressen wohnen, die man aufsuchen und mit denen man verkehren kann. Und richtig ist schon, daß in der Geselligkeit dieser Kreise gar manches an Ansichten, Geschmacksrichtungen, Bildungsinhalten, Lektüre-Stoffen und Gesprächsthemen konserviert wird, was in einem betonten Sinne aus Europa stammt: aus den Universitäten, die man zu besuchen, aus den Büros, in denen man zu arbeiten, den Hotels, in denen man zu wohnen pflegte. Und es ist bei der Größe dieser Gesellschaft relativ leicht, dies alles zu konservieren, weil vieles fremd und ferne bleibt, was an anderen Punkten des Landes mit großer Intensität das Denken in einen neuen Bereich hineinzwingt. Aber nun soll man doch versuchen, gerecht zu sein; dies alles ist nicht nur negativ zu bewerten, sondern hat auch sehr positive Bedeutung. Der Zionismus begann mit seinen palästinensischen Bemühungen auf dem Lande; im Scharon und der Schefelah, im Emek Hajarden und im Galil. Sein städtisches Zentrum vor dem Kriege war Jaffa; dort saß Dr. Ruppin mit seinem Palästina-Amt, dort der Bevollmächtigte des Odessaer Comites der Chowewe Zion; dort war die Bank und dort das Krankenhaus von Dr. Joffe, und Tel-Aviv war eine Vorstadt davon. Dann, nach dem Kriege, wuchs Tel- Aviv; und nach Jerusalem ging der Zionismus nicht aus eigenem Willen, üicht etwa, um den Brennpunkten seiner landwirtschaftlichen Kolonisation näher zu sein, sondern im Zuge der politischen Entwicklung. Die Zionist Commission mußte an dem Orte sein, wo sich das Hauptquartier der britischen Okkupations-Armee befand; die Exekutive der Zionistischen Organisation und der Jewish Agency am Wohnsitz des High Commissioners. Das war unausweichlich, und die Universität konnte selbstverständlich nur in Jerusalem begründet werden. Der Waad Poel der Histadruth Haowdim blieb beispielsweise in Tel-Aviv; aber die zentralen Stellen mußten nach Jerusalem übersiedeln. Das führte dann selbstverständlich zur Herausbildung einer bestimmten Gesellschaft, zur Entwicklung einer spezifischen Atmosphäre. Aber das ist nur folgerichtig und zeitigt auch begrüßenswerte Dinge, die man in den anderen Städten vermißt. Es ist notwendig, daß eine politische Bewegung über eine Oberschicht verfügt, die mit den Entwicklungen der Welt geistig verbunden bleibt. Sehr vieles von dem, was wir als „europäisches Kulturgepäck" nach Palästina transportieren, darf nicht verloren gehen, gilt in anderen Kreisen oftmals — mit Recht — als erstrebenswert. Der Versuch, ein jüdisches Nationalheim in Verhältnissen aufzubauen, die Kontakt auch mit anderen Lebenszusammenhängen erheischen, kann nicht gelingen ohne Menschen, die diesen Kontakt zu bewahren verstehen. Und in puncto Hebräisch steht es in der besagten Jerusalemer Schicht im Durchschnitt fraglos besser als anderen Ortes. Man kann mehr, man spricht auch besseres Hebräisch, und von den fremden Sprachen bleibt wertvolleres Besitztum erhalten. Die Verbindung mit der Golah ist enger, und die Gefahr, an ihre Sorgen mitten in einem palästinensischen Alltag zu vergessen, der eben auch ein Alltag bleibt, ist geringer. Darauf muß hingewiesen werden. So ungefähr stellt sich das Bild des neuen Jerusalem dar. Es gibt vieles nebeneinander, und man könnte meinen, daß bei dieser tiefgehenden Diffe- 226

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