Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- 4 (1936)
- Issue
- Heft 8-9 (Oktober 1936)
- Date
- 1936-10-01
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Der Zionismus ging von vornherein von anderen Vorstellungen aus. Er sah in Erez Jisrael das Land einer glorreich erneuerten politischen Existenz des jüdischen Volkes, das Land, das zu diesem Ende eine Masseneinwanderung aus der Golah aufnehmen müsse und werde. So richtete sich der Blick schon der Chowewe Zion, dann der Männer des Zionistenkongresses viel stärker auf die Judenheit der Diaspora, als auf die im Lande bereits ansässige. Richtig war und blieb an dieser Haltung die Erkenntnis, die dann besonders Arthur Ruppin vertrat, daß nämlich alle Schulungs- und Reformversuche mit Hinsicht auf den alten Jischuw alleine zu schließlicher Erfolglosigkeit verurteilt bleiben würden, solange nicht durch Alijah von außen frisches Blut zugeführt würde. Aber man muß zugeben, daß die Tätigkeit der Zionistischen Organisation, in dem sie sich ausschließlich auf die Betreuung der neuen Alijah beschränkte — was ja auch noch mit unendlichen Schwierigkeiten verbunden war! —, am alten und orientalischen Jisuchw vorbeiging und dessen Erfassung und Modernisierung, soweit sie überhaupt möglich ist, den Nichtzionisten überließ. Und mindestens mit Rücksicht auf die Jugend der Orientalen ist das ein Fehler gewesen, den man langsam erkennt und gutzumachen sich bestrebt. Denn in dieser Jugend gibt es sehr viel Frische und ursprüngliche Begabung; es lohnt sich, sie heranzuziehen, in vielen Fällen; aber es geht oft nicht ohne sozialpolitische Aktivität, die den Anfangszeiten der eigentlichen Zionistischen Kolonisation fremd war. Fragt man nun, wie der moderne Zionismus überhaupt zu Jerusalem steht, dann muß man die Antwort geben, daß diese Beziehung ursprünglich äußerst locker war und noch heute mancherlei Problematisches in sich birgt. Fragt man einen normalen Tel-Aviver oder Haifaer, dann wird er etwas geringschätzig mit den Achseln zucken und wird das inzwischen schon sehr abgedroschene Bonmot „800 Meter über dem Aufbau" der Abgedroschenheit ungeachtet wiederholen. Und es ist ja schon ein Körnchen Wahrheit darin; es findet sich in Jerusalem eben in der Tat recht wenig von dem Tempo und dem Rhythmus, den man als Rhythmus des zionistischen Aufbaus empfindet und der in Tel-Aviv und Haifa deutlich zu spüren ist. Es gibt keine nennenswerte Industrie, deshalb auch keine nennenswerte Arbeiterschaft. Die Missadath Hapoaloth, die Arbeiterküche, ist für den zionistischen Teil der Jerusalemer Judenheit nicht so charakteristisch wie ihre Schwester-Institutionen in den anderen Orten. Gewiß; bestimmte Kategorien der Arbeiterschaft sind sogar stark vertreten in Jerusalem, wenn man etwa an die Chauffeure der Autobus-Cooperativen Egged und Harne - kascher denkt. Der Baumarkt war groß in den Zeiten der Prosperity, und der Prozentsatz jüdischer Arbeiter bei den öffentlichen Werken ist auch nicht ganz unerheblich. Aber bei alledem: „chaluzisch" ist es in Jerusalem nicht eigentlich, und man meint eben eine sehr viel offiziellere, gedämpftere Atmosphäre zu atmen. Jerusalem, so sagt man, ist die „offizielle Hauptstadt"; dort residieren die Jewish Agency, der Waad Leumi, die P. L. D. C, die Direktorien der Fonds, dort ist die Universität, und dort leben dementsprechend Parteiführer, Direktoren, Exekutivmitglieder, Departementsleiter, Professoren, Dozenten, Assistenten, Sekretäre — Beamte aller Rangstufen mit ihren Familien, große und kleine Prominente, „Askanim", die sogenannte zionistische „Gesellschaft", in der man nicht zuhause sein kann, wenn man nicht irgendwo wenigstens Vorsitzender einer größeren Ortsgruppe oder Mitglied eines Landesvorstandes oder einer höheren Kommission gewesen und von daher daran gewöhnt ist, die eigene politische Meinung für wesentlich zu halten. Und darauf herabzusehen nimmt auch der Tel-Aviv Bürger mit seiner typisch „mittelständischen" Haltung sich das Recht. 225