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Der jüdische Wille · 1936-10-01 · Heft 8-9 (Oktober 1936) · page 10

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Journal
Der jüdische Wille
Volume
4 (1936)
Issue
Heft 8-9 (Oktober 1936)
Date
1936-10-01
Page
– (sequence 10)
Language
German
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ans ihr herstammenden Lebensrhythmus, der ja der Rhythmus des Aufbauwerkes ist. Hier ist eine Entwicklung, die sonst Generationen beansprucht« zu fördern, und noch gibt es weite Kreise, an die Kindergarten, Pfadfiuderbund und Schule nicht herankommen. Diese beiden Gruppen, alter aschkenasischer und alter orientalischer Jischuw, bilden einen erheblichen Prozentsatz der jüdischen Stadtbevölkerung überhaupt; man wird wahrscheinlich nicht ganz in die Irre gehen, wenn man sie auf zwei Fünftel der Gesamtheit ansetzt. Ein weitere Gruppe, die als solche außerhalb des zionistischen Teiles der jüdischen Gemeinschaft steht, ist eine Gruppe von nichtzionistischen Juden, die an bestimmten Institutionen tätig sind, die eigentlich mit Rücksicht auf die beiden obigen Gruppen des Jischuw entstanden sind. Es sind die philanthropischen Institutionen, die bis heute dem zionistischen Geiste sich nicht geöffnet haben, deren praktische Wirksamkeit aber bedeutsam ist und die man in einer Darstellung wie der unsrigen garnicht totschweigen kann. Da gibt es seit Jahrzehnten das Krankenhaus Schaare Ze d e k der deutschen strengen Orthodoxie; da gibt es die Miss Evelyna de Rothschild-Schule der Alliance Israelite Universelle, in der die Mädchen einheitliche Schulkleidung tragen, morgens nach dem Gebet die britische Königshymne singen, im Unterricht von Zionismus nichts erfahren und in ihren Berufsidealen von allem chaluzischen Geschehen rings im Lande völlig unberührt bleiben; aber doch eben vor den Schulen der christlichen Mission gerettet sind und nicht in Lumpen einherlaufen. Dr. Wallach und Miss Landau repräsentieren ein System, gegen das der Zionismus von Anfang an sich gewendet hat, das er aber leider bis heute durch eigene Leistung in Jerusalem noch nicht völlig hat überflüssig machen können. Dieses System war vor dem Kriege gewiß mächtiger im Jischuw als heute; aber es ist noch vorhanden, und wiewohl sein Einfluß nicht mehr vorherrscht, ist er noch immer zu spüren. Und schließlich war es — dieses historische Verdienst wirkt noch fort — das erste halbwegs moderne System überhaupt, was nach Jerusalem verpflanzt wurde. Denn der Z i onismus hat sich erst sehr spät um Jerusalem zu kümmern begonnen. Das hatte seine spezifischen Gründe. Die ganze praezionistische Epoche, auch das assimilatorische XIX. Jahrhundert, beschäftigte sich mit praktischer Palästinaarbeit; der Name Montefiore ist ein Symbol, aber auch Charles Netter und selbst Paul Nathan müssen im gleichen Zuge genannt werden. Diese Männer und die Gesellschaften, die sie vertraten, wurden bei allen ihren Arbeiten mit Notwendigkeit immer wieder und wieder vor die Frage gestellt: wie produktiviert man den alten Jischuw? Wie beseitigt man die Chalukkah? Wie entwickelt man ein gesundes, kräftiges, wirtschaftlich auf eigenen Füßen stehendes jüdisches Leben in Palästina? Auf diese Fragen wußten sie nur eine Antwort: Reform dieses alten Jischuw durch Schulen, Darlehnskassen, Inspektoren und Administratoren; und darum bemühten sie sich mit außergewöhnlichem Einsatz an Mitteln und Geduld. Ihr jüdisches Bewußtsein sagte ihnen, daß die Judenheit in Erez Jisrael nicht in Unwissenheit und Elend verkommen dürfe, und hinter ihrer philantropischen Arbeit stand ein gut Stück lebendigen nationalen Stolzes. Aber diese Reformtendenzen litten naturgemäß an dem Fehler der Ueberschätzung des Mechanischen; „Hebung" des Niveaus ist nicht so einfach zu vollführen; und hatte man eine Jugend modern erzogen, dann erhob sich die Frage, wohin mit ihr?; so kam es zur Auswanderung nach Frankreich und Amerika, zur inneren Stagnation der nichtzionistischen Palästinaarbeit überhaupt. 224

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