Mannheim
Compact Memory

Der jüdische Wille · 1936-10-01 · Heft 8-9 (Oktober 1936) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der jüdische Wille
Volume
4 (1936)
Issue
Heft 8-9 (Oktober 1936)
Date
1936-10-01
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2827066-3186705-3186710--1344-3187415
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

daß überhaupt alles an arabischer Intelligenz sowohl religiös-traditioneller, als auch weltlich-moderner Prägung eben in Jerusalem, dem Sitze des Obersten Mohammedanischen Rates, sich konzentriert. Die vornehmen Familien haben hier ihre oft sehr geschmackvollen Häuser, und man kann das arabische Wesen nicht nur nach dem malerischen, aber unhygienischen Beitrag beurteilen, den es zum Leben der Basare in der Altstadt beisteuert. Wie aber ist denn nun endlich das Wesen der jüdischen Gemeinschaft Jerusalems zu beschreiben, von deren Blickfeld aus ja schon manche früheren Beobachtungen und Bemerkungen aus geschahen? Das jüdische Jerusalem ist nicht einheitlich; es weist verschiedene Schichten auf, von denen die zionistische die weitaus jüngste ist. Sie ist die jüngste und — das darf man wohl sagen — die dominierende. Aber dieses Dominieren ist bei weitem nicht so schranken- und vorbehaltlos wie in Tel-Aviv oder auch Haifa. Die älteste Schicht ist der „alte J i s c h u w". Er lebt nicht nur in der Altstadt, sondern auch außerhalb der Mauern, in dem von Sir Moses Möntefiore erbauten Viertel Mea Sch'arim, in Schaare Chesed neben Rechaviah und sonst. Das ist die Gruppe der ganz Frommen aus der a s c h k e - hasisehen Judenheit, aus Rußland und Litauen, aus Polen, Rumänien, der Slowakei und Ungarn. Das ist die Schicht, deren Kinder bereits mit Schläfenlocken, langem Rock und breitkrämpigen schwarzem Hut einhergehen, jene Schicht, bei der die Knaben in Wahrheit wie junge Greise, kleine Erwachsene wirken, die moderne Bildung auch in hebräischer Sprache ablehnt; Hier erkennt man auch noch keinerlei Modernisierungstendenzen innerhalb der Jugend selber. Teilweise dazu gehört die orientalische Judenheit, gleich dem alten Jischuw der Aschkenasim in viele Landsmannschaften, aus Buchara, aus Persien, aus Yemen, aus Kurdistan, aus Marokko gegliedert und gespalten. Die ältere Generation lebt hier auch noch traditionell, im wesentlichen fern von modernen Berufs- und Arbeitsvorstellungen, nur dem Studium der Lehre und dem Gebet gewidmet. Der Aberglaube ist hier noch stärker als in chassidischen Zirkeln, die äußere Erscheinung mancher Rebbeim in prachtvoll buntem Kaftan und großem Streimel imposanter als die dagegen bürgerlich-ärmliche Tracht der osteuropäischen Frommen. Sprachlich liegt hier ein ganz analoges Problem; so wie der „alte" Jischuw am Jiddischen festhält in einer Atmosphäre und Landschaft, der gegenüber gewisse intime Gefühlswerte der Volkssprache als fehl am Platze empfunden werden müssenj die das Hebräische aus ästhetischen Gründen fast erzwingt, so dominieren im „orientalischen", wenigstens seiner älteren Generation, das Arabische, Persische, Kurdische. Mit der Jugend steht es etwas anders. Denn aus den orientalischen Gemeinden kommen nach Palästina nicht so ausschließlich Gelehrte und Fromme; bei den orientalischen Judenheiten handelt es sich ja, besonders in den letzten Jahren, um eine Art von Alijah; Aber wenn die Jugend des alten Jischuw so fürchterlich unjung erscheint, so ist die orientalische so ungewöhnlich faul und europäischen Arbeits- und Morälbegriffen fremd, daß ihre Erziehung und Einfügung in das neue jüdische, das* zionistische Palästina erheblichen Schwierigkeiten begegnet, jedenfalls von zionistischer Seite weit umfangreichere Bemühungen erfordern würde, als bisher gemacht wurden. Zionisierung dieser Jugend der orientalischen Gemeinden bedeutet nicht nur Hebraisierung — darin ist man schon am weitesten gekommen, nicht zuletzt dank dem allgemeinen Schulwesen der Knesseth Jisrael* und dem außerordentlichen Hör- und Sprachtalent dieser Jugend selber — sondern auch Erziehung zu der europäischen Arbeitsethik und dem 223

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.