Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- 4 (1936)
- Issue
- Heft 8-9 (Oktober 1936)
- Date
- 1936-10-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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geht weiter und. färbt vielerlei Dinge, Sitte und Sprache, Lebensgewohnheiten aller Art. Es gibt eine deutsche Weinstube, und man kann auf stockenglische Art im King-David-Hotel sich zum 5 Uhr-Tee treffen« Es erscheinen eine Tageszeitung und ganz neuerdings auch eine Monatsschrift in englischer Sprache, und welche Verlockung insbesondere von dieser Tageszeitung, der „Palestine Post", einem zionistischen Organ, ausgeht, braucht kaum gesagt zu werden, Was von ausländischen Dingen in dem doch immer noch kleinen und zu großen Teilen noch rückständigen Lande als nachahmenswert gilt, wird nicht zuletzt in dem Prozeß der Bildung eines öffentlichen Geschmacks nach der Visitenkarte entschieden, die von dem betreffenden Ding in Jerusalem vorhanden ist. Die Macht der angelsächsischen Lebensformen erweist sich dabei, natürlich auch infolge der großen Zahl ihrer selbstverständlichen Teilhaber, der britischen Beamten der Regierung, als die stärkste, und es ist noch ein offenes Problem, inwieweit manche von ihnen, etwa der Sport mit seiner spezifischen Wettkampfmentalität, mit „Racing" und „competition", in ein neues System jüdischer Lebensformen übernommen werden können, ohne andere, ursprünglichere Werte aus ihm zu verdrängen. Es kann sich heute selbstverständlich nicht mehr darum handeln, irgendetwas zu verbieten und mit einer Art von Zwangsgewalt aus dem jüdischen Lebensbereich fernzuhalten. Da unsere Existenz in Erez Jisrael mit der Existenz englischer politischer Interessen etwas zu tun hat, ist es sogar wünschenswert, wenn zumindest eine gewisse, politisch interessierte Oberschicht der Juden englische Zeitungen liest. Keiner wird gegen sportliche Gemeinschaftserziehung sein, der im Lande Gruppen des Makkabi oder des Poel gesehen hat. Aber das Problem, wie in der Annahme von Interessen und Lebensformen, die heute universell geworden sind, das Judentum auch weiterhin als ein Spezificum sich ausdrücken kann, besteht gleichwohl, gerade in Jerusalem, mit unübersehbarer Deutlichkeit. Es gibt etwas Aehnliches auf einem anderen Gebiete, nämlich dem der Beziehungen zu den Arabern. Wer in Tel-Aviv lebt, kann lange Zeit hindurch unter Umständen keinen Araber zu Gesicht bekommen. In Jerusalem ist das unmöglich. Obwohl die Mehrheit der Bevölkerung sogar jüdisch ist, ist die Existenz der Araber doch viel augenfälliger als sonst in irgendeiner Stadt im Lande. Und nicht nur innerhalb der ummauerten Altstadt; auch in der Neustadt gibt es arabische Bezirke, und selbst durch Rechaviah treiben die arabischen Hirten täglich ihre Herden von Schafen und Ziegen. Ein anderes kommt hinzu: in Jerusalem deckt sich der nationale Gegensatz durchaus nicht vollkommen mit dem sozialen. Was auf dem Lande so häufig sichtbar ist, nämlich der krasse Abstand der rationalen Wirtschaftstechnik der Juden und des dadurch bewirkten Wohlstandes von der herkömmlichen Arbeitsweise der Araber und ihren kümmerlichen Lebensverhältnisseh, ist in Jerusalem weit weniger zu spüren. Erstens lebt ein erheblicher Teil der jüdischen Bevölkerung, nämlich der orientalische, in denkbar primitiven Verhältnissen, und zum zweiten gibt es in Jerusalem aber auch unter den Arabern eine nicht ganz kleine Schicht wohlhabender und gebildeter Leute. Die Läden und Geschäfte in der Ramillah-Straße, die Villen und Häuser in Talbiye, dicht neben Rechaviah, gehören Arabern, die, selbst wenn man kaum etwas mit ihnen zu tun hat, als ebenbürtig anerkannt werden müssen. In der Tat hat man sehr wenig mit ihnen zu tun; berufliche und kommerzielle Beziehungen führen nie zu gesellschaftlichen, aber die Einschätzung, die Bewertung dieser Araber ist anders als in Orten, in denen die arabische Be* völkerung dieses Niveau nicht erreicht. Es kommt noch hinzu, daß viele Araber im höheren Dienst der einzelnen Regierungs-Departements beschäftigt sind, daß ein großes arabisches Lehrerseminar der Regierung besteht, und 222