Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- 4 (1936)
- Issue
- Heft 8-9 (Oktober 1936)
- Date
- 1936-10-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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dividualitäten innerhalb der größeren Einheit der ganzen Stadt darstellen; Völker, Glaubensgemeinschaften, Berufsgruppen, sie alle und deren Unterteile und Abarten und Sekten und Spezialitäten, haben ihr eigenes Viertel. Die außergewöhnliche Vielfältigkeit des Lebensausdrucks, die doch nicht anorganisch wirkt, den Rahmen des Ganzen nicht sprengt, wird durch die Beschaffenheit des Geländes sehr begünstigt. Jede, wie immer bestimmte Gruppe der Menschheit findet — einen in gewisser Weise abgeschlossenen Raum für ihre Niederlassung — auch hier darf man sagen: die Welt hat Platz in Jerusalem. Wenn die Betrachtung naturgegebener Voraussetzungen zu solchen Schlüssen führt, dann wird es uns nicht so sehr überraschen, daß das Werk der Menschen ihnen entspricht. Wir leben nicht mehr in einer Zeit, die aus religiösen Gründen in Palästina, als dem Heiligen Lande, und in Jerusalem, als der heiligsten Stadt dieses Landes, auch geographisch den Mittelpunkt des Erdkreises und der Welt erblickt. Aber es scheint, daß im Bewußtsein der unjüdischen, unchristlichen, überhaupt ungläubigen Menschheit die Sternwarte in Greenwich auch nicht entfernt einen ähnlichen Platz einnimmt wie Jerusalem ihn einmal innehatte, und es ist kein ganz zufälliges Zusammentreffen, daß die Welt seit der Zeit, die die Macht geheiligter Ueberlieferung in der Betrachtung aller Dinge zerstörte und Jerusalem entthronte, eines allgemein anerkannten Zentrums entbehrt. Soweit sie aber ein solches heute noch besitzt, ist Jerusalem in seinem alten Range geblieben, ja, behauptet es diese Würde seit etwa einem Jahrhundert mit wachsendem Recht, Rom, Paris, London, New-York sind für gewisse Lebenszusammenhänge zentral in der Welt; aber der Griechisch-Orthodoxe kann in Rom nur den Sitz eines falschen Glaubens sehen; dem Freund angelsächsischer Sitten bleibt Paris ewig fremd; der Mann europäisch-bürgerlicher Kultur findet in New-York etwas tief Andersartiges vor. — In Jerusalem aber findet sich alles, alles hat dort merkwürdigerweise eine Art von Heimatrecht, und nichts wirkt unpassend, auch wenn es noch so sehr dem eigenen Geschmack folgt, der außerhalb zuhause ist. Die Stadt ist jüdisch. Mit einem jüdischen Namen kennt sie die Menschheit, und wiewohl die Bibel uns den Namen des kanaanäischen Stammes aufbewahrt hat, der auch ihr ursprünglich eigen war, ist dieser Name nie mehr lebendig geworden. Die Stadt ist jüdisch auch nach der Mehrheit ihrer Bewohner, und obgleich alle Völker und Religionen sie verehren, hat kein Volk sie derart zum Zentrum seines ganzen nationalen Daseins und seines religiösen Lebens gemacht wie das jüdische. In keinem Teile der Menschheit ist Jeruschalajim so lange, so inbrünstig, so unauslöschlich geliebt worden wie in dem Teile, der das Erbe Jakobs hütet. Die Juden haben auf diese Stadt das Anrecht der Liebe, und wenn das Mandatsrecht die „historical connection" des jüdischen Volkes mit Palästinaa anerkennt, so hat es damit dieses Anrecht der Liebe bestätigt, die fortwirkende Kraft der Seele, mit der die Juden zu allen Zeiten Zion und Jerusalem verhaftet blieben. Jerusalem ist jüdisch; aber doch nicht nur dies. Die Welt hat den Platz, den es für sie dort gibt, besetzt, und die mannigfachen Zeugen ihrer Existenz sind garnicht zu übersehen. Nicht weniger als 21 Staaten unterhalten in ihr konsularische Vertretungen, davon 7 mit dem Range von Generalkonsulaten. Nur unwesentlich geringer ist die Zahl der wissenschaftlichen Institute, die vorwiegend der biblischen Archäologie dienen und häufig auch von christlichen Kirchen und Orden des Auslandes abhängen. Das Zusammenwirken weltlicher und geistlicher Gewalten ist überhaupt charakteristisch; es findet sich fast überall, auch bei den Krankenhäusern und Schulen, wie denn ohne- 220