Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- 4 (1936)
- Issue
- Heft 8-9 (Oktober 1936)
- Date
- 1936-10-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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des Landes werden sollen. Diese unsere Menschen müssen durch die Pa- Iätinakunde darauf vorbereitet werden« Deshalb ist es wichtig, die wirk* liehe Erscheinung des palästinensischen Lebens, so wie sie dem Auge des Einwanderers sich darbietet, darzustellen und von dort ausgehend — induktiv — die Verbindungslinien zu den Kräften, Ideen und Tendenzen zu ziehen, die in der Golah bestimmend waren und sind. Die Palästinakunde kann dadurch an Lebensnähe und deshalb an zionistischpädagogischer Wirkung sehr gewinnen. Von den Erscheinungen zu den Gründen und Hintergründen — dieser Weg der Betrachtung soll beschritten werden. Es ist klar, daß mit dieser Methode keine Generaldarstellungen geliefert werden können. Sie bedingt eine individualisierende Prozedur; man muß nach und nach die ganze Reihe der räumlich-geistigen Lebenseinheiten, deren Gesamtheit unser Werk im Lande darstellt, untersuchen. Es dreht sich also, um es ex contrario ganz deutlich zu sagen, nicht darum, „die Stadt", „das Dorf", „den Kibuz" oder ähnliches zu schildern, irgendwelche Abstraktionen und Typisierungen von vornherein zugrunde zu legen, sondern die realen Erscheinungen in ihrer Individualität zu erfassen und von daher zum Verständnis der großen Allgemeinheiten vorzustoßen, die natürlich in ihrer Bedeutung nicht unterschätzt werden sollen. Als Beispiel dieser Methode wollen wir heute den Versuch einer Darstellung Jerusalems, insbesondere des neuen Jerusalem unternehmen. Es handelt sich bei diesem Versuch also wohlgemerkt um keine wissenschaftliche Topographie, aber auch nicht um einen ganz dem unmittelbaren Bedürfnis der Praxis dienenden Wegweiser, wie ihn der Reiseführer geben muß; es kann nicht „alles drin vorkommen". Das Wesen dieser Stadt wollen wir erfassen, und das bedeutet, daß weggelassen und hervorgehoben wird. Die Wirklichkeit des Bildes ist das erstrebte Ziel, nicht die Wirklichkeit der Photographie. Beginnen wir mit den Naturgegebenheiten dieser Stadt, so verdienen Klima und Bodenbeschaffenheit unsere erste Beachtung. Das Klima ist bekanntlich „gemäßigt". Diese Bezeichnung, die von den europäischen Urhebern der Klimakunde herrührt und nur für die Empfindung des Mittel- und Westeuropäers einen Sinn hat, ist gleichwohl von einer gewissen allgemeinen Bedeutung; denn sie besagt, daß eigentlich alle Menschen, mögen sie an ausgesprochen kontinentale oder ausgesprochen tropische Temperaturen gewöhnt sein, in einem solchen Klima immerhin leben können. Es ist anders als das gewohnte, es ist aber auch nicht das entgegengesetzte Extrem; in seiner Zone kann die Menschheit von überall her sich treffen, die Abschwächung, als die es sich im Verhältnis zu den anderen Klima-Typen darstellt, ermöglicht es allen, wenigstens zu gewissen Zeiten des Tages sich wohl zu fühlen. Dem Europäer vom Beginn des späteren Nachmittages an, dem Mann aus südlicheren Breiten vorher; für keinen ist es ganz unaushaltbar, es sei denn bei Chamssin-Tagen, und an ihnen leiden alle gleichmäßig, auch die Eingeborenen, auch Pflanze und Tier. Die Welt hat Platz in Jerusalem — so scheint es schon beim ersten Punkte unserer Betrachtung. Wenn man irgendwo auf kleinem Flächenraum lernen will, was Berg und Tal bedeutet, dann gibt Jerusalem dazu Gelegenheit. Ueberall rings um die Stadt erheben sich die Höhen zu Kuppen, die deutlich beherrschend hervortreten; und selbst in der eigentlichen Stadt ist es hügelig, jede Steigung markiert sich, jede Niederung ist als solche erkennbar; noch nirgendwo hat irgendein städtebaulicher Plan wesentliche Nivellierungen durchgeführt. So kommt es zu der sonst unbegreiflichen Vielzahl von Vierteln, Schechunoth, die alle nicht nur eigene Namen führen, sondern in der Tat besondere In- 219