Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- 4 (1936)
- Issue
- Heft 6-7 (Juli 1936)
- Date
- 1936-07-01
- Page
- – (sequence 54)
- Language
- German
- Belongs to
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Erez Israel zu stellen sucht. Diese Melodie ist uns genau und nicht seit gestern bekannt. Als das brennende Problem der deutschen Juden noch gar nicht bestand, haben bereits bestimmte Kreise unserer Gegner durch besonders aktives Eintreten für die Ziele des ORT und die Kolonisation in der Krim und Biro-Bidschan — nun nicht etwa nur notleidenden jüdischen Menschen Zufluchtsstätten eröffnen helfen, sondern gleichzeitig durch diese Arbeit bewußt Scheidewände und Grenzlinien gegenüber dem Aufbauwerk in Palästina aufgerichtet. Man hatte damals und hat auch vielfach heute noch kein Verständnis dafür, daß die jüdische Arbeit in Palästina zu keiner jüdischen Unternehmung sonst in der Welt in Parallele gestellt werden kann, weil es sich nicht um die Schaffung eines noch so bedeutsamen neuen Galuth-Zentrums, sondern eben um die Schaffung der . nationalen jüdischen Heimstätte, die potenziell das ganze jüdische Volk erfassen soll, handelt. So wenig wir also eine solche Verwischung der Begriffe oder gar das Gegeneinanderausspielen der verschiedenen Unternehmungen zulassen können, so wenig können wir als Zionisten, denen das Gesamtschicksal des Volkes, wo auch seine Teile in der Welt sich befinden, am Herzen liegt, es zulassen, von irgendeiner jüdischen Arbeit in der Welt ausgeschlossen zu sein. Uns hat das Wanderungs- und Kolonisationsproblem zu allen Zeiten aufs ernsteste beschäftigt und schließlich sind die Welthilfskonferenz und die erste Prager Emigrantions-Konferenz, die den Grundstein zu der gegenwärtigen Organisation der jüdischen Wanderung legten, zionistischer Initiative zu danken gewesen. Unsere besondere Aufmerksamkeit hat deshalb allen Versuchen zu gelten, jüdische Menschen in größerer Zahl neu zu verwurzeln. Unter diesen Versuchen stehen die kolonisatorischen Bemühungen in Süd-Amerika an erster Stelle; in Argentinien, Brasilien und anderen Ländern dieses Kontinents sind, zuerst gefördert durch die Kolonisation des Baron Hirsch und heute, gestützt durch die ICA, jüdische Bauern in nennenswerter Zahl angesiedelt worden. Das vorliegende Buch, das die praktischen Fragen der Südamerika-Kolonisation eingehend behandelt, verschafft einen unmittelbaren und lebendigen Einblick in die täglichen Bedürfnisse und Probleme der Siedlung. Auch wir leiden sehr häufig unter einem Zuviel an theoretischen Auseinandersetzungen über kolonisatorische Fragen, und es ist nicht immer leicht, die theoretischen ökonomischen Erkenntnisse den praktischen Bedürfnissen der Siedlung anzupassen. „Der Weg zur besseren Erfolgen führt nicht durch das dornige Gestrüpp siedlungspolitischer Theorien, Denkschriften und Berichte, sondern durch ein gründliches Studium der Kolonisationstechnik und eine mühsame Sammlung kolonisatorischer Einzelerfahrungen. Nicht „neue große Ideen" führen hier zum Ziel, sondern Wirklichkeitssinn, Klarheit über das Wesen der Kolonisation, nüchterne Erkenntnis der mannigfachen Risiken, und Maß für das wirklich Erreichbare." Der Autor, der diese Postulate in der Einleitung zu seinem Buch aufstellt, hält Wort. Kaum ein praktisches Kapitel des Siedlungswesens, das hier nicht behandelt wird. Wenn die Ergebnisse für die jüdische Siedlung nur mittelbare Bedeutung haben, so liegt das daran, daß das Siedlermaterial, mit dem das Buch sich befaßt, im wesentlichen deutsche Menschen sind, und daß die Form der Kolonisation durch den Kolonisator als Unternehmer, der auf geschäftlicher Grundlage Parzellen verkauft und Bauern zur Siedlung bringt, mit den vielfach philantropischen Gesichtspunkten unserer großen jüdischen Gesellschaften nicht verglichen werden kann. Der Autor befaßt sich auch kurz (S. 170) mit diesen Fragen der philantropischen Grundlage der Kolonisation, wie sie natur- 200