Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- 4 (1936)
- Issue
- Heft 6-7 (Juli 1936)
- Date
- 1936-07-01
- Page
- – (sequence 45)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2827066-3186705-3186709--1313-3187383- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Wahn, Phantasie, Besessenheit — des prophetischen Menschen an. Erst in letzter Zeit ist die Einseitigkeit dieser Fragestellungen durch eindringliche religiönisphänomenologische Untersuchungen über das Wesen der Prophetie (Buber, Leeuw u. a. m.) überwunden worden. Sie erfahren durch ein eben erschienenes Buch von Abraham Heschel; „Die Prophetie"') eine wertvolle Bereicherung. Das Neue seines Buches ist die Art, in der Heschel nicht die Wahrheit der prophetischen Phänome beurteilen, sondern eine neue Wesensbe Stimmung der prophetischen Bewußtseins tat Sachen geben will. Heschel versteht die prophetische Persönlichkeit als Einheit von Eingebung und Erlebnis. Die theologische Gültigkeit der prophetischen Reden beruht zunächst auf den „Eingebungen", die in der objektiven Gestalt von Visionen und Auditionen von den Propheten empfangen werden. Sie bilden durch ihren Gegenstandscharakter das objektive Element des prophetischen Akts, neben das als subjektives Eiement die Spontanität der persönlichen Aeußerung und des subjektiven „Erlebnisses" treten. Beide Elemente des prophetischen Bewußtseins sind autonom und ursprungsverschieden, bilden aber durch ihre gegenseitige Ergänzung die „synoptische Struktur der prophetischen Persönlichkeit". Das Wesen der prophetischen „Eingebung", nämlich das Bewußtsein, von Gott angesprochen und inspiriert zu sein, klärt Heschel durch Heranziehung von Parallelerscheinungen aus anderen Bewußtseinslagen. Mit großer Materialkenntnis und begrifflicher Schärfe vergleicht er das prophetische Eingebungsbewußtsein historisch und *) Abraham Heschel, Die Prophetie. Krakau, Verlag der Polnischen Akademie der Wissenschaften 1936. In Deutschland zu beziehen durch den Erich-Reiss-Verlag, Berlin W 15. systematisch mit der Ekstase, deren Bewußtseinsverneinung der Prophetismus bekämpft, und mit dem dichterischen Akt, dem das „eingehende" Subjekt fehlt. Im prophetischen Akt ist jede Eingebung eine Rede Gottes, die gleichsam eine besondere Gemütshaltung, eine „Stimmung" Gotteaf über das Verhalten des Volkes zum Ausdruck bringt. Das Motiv der Eingebung ist eine gewisse Leidenschaft, ein Pathos Gottes, Zorn, Anteilnahme, Abscheu oder Liebe in meiner Beziehung zum Volk. Heschel analysiert diesen Pathosbegriff an mehreren Propheten, bei Arnos z. B. als Pathos des Abscheus und des Widerstrebens. Hosea verkündet das Pathos der Liebe Gottes zu Israel und seinen Zorn über den Verrat seiner Liebe durch das Volk. Jesaja prägt die theologische Kategorie der „Müdigkeit Gottes" durch stete und herbe Enttäuschung, und bei Jeremia, dem „Propheten des göttlichen Zorns", wird das Pathos der erbarmenden und versöhnenden Liebe durch den glühenden Zorn Gottes verdrängt. Prophetie ist aber nicht nur eine mechanische, unpersönliche Reproduktion der rezipierten, „eingegebenen" Inhalte. Der von Gott kommenden Eingebung entspricht in der Subjektsphäre, im Propheten ein Miterleben mit den „Gefühlen" Gottes, ein Gleichgerichtetsein mit seinem Willen, eine „S y m p a t h i e" mit dem göttlichen Pathos. Die Sympathie ist das menschliche Korrelat der göttlichen Offenbarung und äußert sich, entsprechend d^er Verschiedenheit des göttlichen Pathos, bei den einzelnen prophetischen Persönlichkeiten verschieden. Im Anschluß an die Analyse der Inhalte des prophetischen Aktes untersucht Heschel auch die prophetische Eingebungs- und Erlebnis form: Der prophetische Akt ist in erster Linie ein Ereignisakt, nicht ein Erkenntnisakt. Schließlich wird in den Abschnitten „Die pathetische Theologie" und „Die Religion der Sympathie" 191