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Der jüdische Wille · 1936-07-01 · Heft 6-7 (Juli 1936) · page 44

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Journal
Der jüdische Wille
Volume
4 (1936)
Issue
Heft 6-7 (Juli 1936)
Date
1936-07-01
Page
– (sequence 44)
Language
German
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leicht erwähnenswert, daß er, wie ein zufällig in meinen Händen befindliches altes Buchinserat zeigt, sein Jerusalemwerk vom Verleger der 2. Auflage „wegen seines jüdisch-nationa- 1 e n und kulturhistorischen Inhaltes" dem Leserpublikum anempfehlen ließ, und das im Jahre 1864! Und noch kurz vor seinem Tode — er starb 1894 im Alter von 84 Jahren — kam ihm die bittere aber klare Erkenntnis der wirklichen jüdischen Lage: „Es bricht mir das Herz wie mei- Die Prophetie % Versuch einer neuen Wssensbestimmung der vorexilischen Prophetie. Die Fragestellung des wissenschaftlichen Denkens hat in den letzten Jahrzehnten eine Wandlung durchgemacht. Während die Systeme des kritischen und absoluten Idealismus von Kant bis Cohen um die Erkenntnis der Wahrheit rangen und sie in letzten, von der Erfahrung unabhängigen Prinzipien der menschlichen Vernunft zu sichern suchten, verschob das wissenschaftliche Denken der Gegenwart die Fragestellung mehr and mehr zu Gunsten einer Erkenntnis des Wesens der Wirklichkeit und ihrer Phänomene. Den kritizistischen Systemen und der an ihnen orientierten Wissenschaft blieb durch die Einseitigkeit ihrer Wertung der Wirklichkeit an einem konstruierten Begriff der Wahrheit oH die umfassende Erkenntnis der Wirklichkeit der Phänome verschlossen, während dem neuen Denken ein oft erstaunlich weiter und umfassender Einblick in das Wesen der Erscheinungen gelang. Ein gutes Beispiel hierfür ist der Neukantianer Ernst Cassirer. Obgleich als Schüler Hermann Cohens grundsätzlich die Grenzen des neukantischen Systems Marburger Linie niemals überschreitend, bereitet er doch in seiner „Philosophie der symbolischen Formen" den Weg für ein eindringendes Verständnis des Wesens von nem Freunde Berthold Auerbach, Ich habe keine Hoffnung, daß es besser wird." Freilich war diese Erkenntnis — oh Eitelkeit, jüdisches Kardinallaster des Exils — einigermaßen dadurch gefördert worden, daß ein vermutlich nicht ohne sein Wissen im Wiener Gemeinderat eingebrachter Antrag, eine neue Straße „Ludwig-August- Frankl-Straße" zu benennen, unter stürmischen Zurufen abgelehnt worden war. Conrad Ka i s e r. Sprache und Mythos, Religion und Kunst und weitet so die Kritik der Vernunft zu einer Kritik der menschlich gestalteten Kultur. In ähnlicher Weise wandelt sich die Fragestellung einem der wichtigsten und großartigsten Kapitel der jüdischen Religionsgeschichte gegenüber: der Prophetie. Sieht man von der Vielzahl der Zusammenstellungen der prophetischen Lehren und der Untersuchungen ihrer literarischen, religionsgeschichtlichen, politischen und soziologischen Zusammenhänge ab, gibt es unter den z. T. ausgezeichneten älteren Darstellungen der Prophetie kaum eine, die nicht kritisch die grundsätzliche Frage nach der Wahrheit der prophetischen Aussage gestellt hätte. Die dogmatische Theologie befestigt die Wahrheit der prophetischen Lehre im Absoluten, indem sie den ausschließlichen Offenbarungscharakter des prophetischen Wortempfanges betont. Der Prophet spricht und handelt für sie auf Grund einer objektiven Eingebung, einer Offenbarung, die sich durch ihren Ursprung von Gott als absolute Wahrheit legitimiert. Die psychologische und analytische Deutung verneint den Wahrheitsanspruch der prophetischen Aussage durch die Verlagerung ihres Ursprungs in die Sphäre der subjektiven Spontanität und sieht sie als ausschließlich subjektives Erzeugnis — 190

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