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Der jüdische Wille · 1936-07-01 · Heft 6-7 (Juli 1936) · page 41

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Journal
Der jüdische Wille
Volume
4 (1936)
Issue
Heft 6-7 (Juli 1936)
Date
1936-07-01
Page
– (sequence 41)
Language
German
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gegen Ende des dritten ließ ich es drucken. Eine Geschichte von 500 Seiten wäre jedenfalls leichter gewesen. Es galt hier, nicht etwa einen Leitfaden und ganz und gar nicht einen „geschichtsphilosophischen Versuch" zu schreiben, wie ihn Grätz in seiner Jugend verfaßte, sondern Anlaß und Grund der Sache lagen tiefer. Ich sah in den letzten Jahren genug geistige und seelische Not im Judentum, sah unter durch die Zeitverhältnisse aus der Bahn Geschleuderten vor allem die erschütternde Tragik der Unwissenheit. Das allein durfte schon Grund genug für mich sein, aufs neue eine jüdische Geschichte zu wagen, d. h. den Leuten zu zeigen, welchem Volke sie angehören. Dazu kam ferner, daß mich alle bisherigen Versuche jüdischer Geschichtsschreibung, so hoch auch ihr objektiver Materialwert war, in einem Punkte unbefriedigt gelassen haben. Seitdem die Phänomenologen uns neue Wege gewiesen, seitdem ein Gundolf schrieb, daß Geschichte „nicht ein System von Tatsachen und Fakten, sondern ein Strom von ^Kräften" sei, genügt es nicht mehr, das materielle Ergebnis von Quellenstudien zu sondern und zu sichten, sondern es muß eben schon der lebendige Strom der Kräfte aufgezeigt werden. Das Zweite und Wichtigere, was ich vermißte und was mich deshalb drängte, das Meine zu tun, war etwas, was ich hier als das Fehlen des weltgeschichtlichen Elementes bezeichnen möchte. Ich fand nämlich, daß die Geschichte unseres Volkes bisher immer nur neben der Weltgeschichte her erzählt worden ist, und hielt es darum für notwendig, die wunderbaren Erlebnisse meines Volkes einmal in die Weltgeschichte „hineinzuweben", wie einer meiner Kritiker ganz treffend bemerkt hat, und sie so — d. h. verwoben ins Weltgeschehen und in die Geistesströmungen und Erlebnisse der anderen Völker — noch einmal zu erzählen; dergestalt, daß, wer diese meine kleine, durchaus ihrer Grenzen sich bewußte Geschichte liest, gleichzeitig die Weltgeschichte miterleben kann. Der unvoreingenommene Leser, im Jüdischen unbewandert, im Allgemeinwissen und in der Kultur- und Literaturgeschichte, aber wohl beschlagen, wird hier sein eigenes Wissen bestätigt und doch in einer neuen, und zwar jüdischen Beleuchtung wiederfinden. Er wird von Plato, Aristoteles, Karl dem Großen, Gregor, Friedrich IL, Kopernikus, Galilei, Giordano Bruno, Descartes, Voltaire, Dampf, Elektrizität, Auto, Radio usw. lesen und dabei feststellen, daß hier nicht nur jüdische Geschichte erzählt wird, wie ein religiöser Mensch sie sieht, sondern auch Weltgeschichte, wie ein religiöser Jude sie sehen soll. Meine Aufgabe, meine — schwere Aufgabe sah ich so: Es galt nicht etwa, in die 100 Seiten die viertausend Jahre jüdischer Geschichte hineinzupressen, sondern das ungeheure Material so zu verdichten, daß ein eindeutiges, klares und sogar reichhaltiges Bild des ganzen Volkes im Ablauf seines Werdens und Wachsens zutage trat. Diese Verdichtung war in der Hauptsache eine Sache des Stils. Ich empfinde aus diesem Grunde mein Buch wirklich als eine Art Dichtung, höre freilich auch schon das Aha der Leute: „Die jüdische Geschichte, wie Emil Bernhard Cohn sie sieht!" Nein, so ist es nicht gemeint. Aber, wenn ich z. B. vom König Agrippa rede und sage: „Agrippa, in der Jugend liederlich, im Alter charmant", so glaube ich nach eingehenden Studien über seine historische Persönlichkeit, mit d«iesen fünf Worten in der Tat den ganzen Menschen hingestellt zu haben, und mehr gesagt zu haben, als ich mit hundert Einzelheiten und einem paar Dutzend Seiten noch hätte beiegen können. Das ist es, was ich zu diesen 100 Seiten zu sagen habe, die, so unscheinbar sie sich geben, mir doch selber sehr am Herzen liegen und vor allen Dingen so von Heizen kamen, 187

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