Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- 4 (1936)
- Issue
- Heft 6-7 (Juli 1936)
- Date
- 1936-07-01
- Page
- – (sequence 39)
- Language
- German
- Belongs to
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Das nächste Kapitel behandelt die religiösen Ideen in der Wissenschaft vom Judentum. Es befaßt sich ganz besonders mit Geiger, aber auch mit Grätz, indem es zunächst von der Stellung von Zunz ausgeht. Auch hier zeigt sich wieder, daß Wiener seiner geistigen Entwicklung nach grundsätzlich auf dem Boden seiner Erziehung steht, daß er bei aller Kritik, die er im einzelnen an den Genannten übt, insbesondere auch an Frankel, doch sich nicht von den Gedanken frei machen kann, die geistig die herrschenden in jener Epoche waren. Wehn als selbstverständlich immer wieder die Idee des höheren Universalismus hervorgehoben wird und im Anschluß an diese die des Messianismus, wenn ohne jede Einschränkung diese auf den Prophetismus zurückgeführt wird, so drängt sich doch stets von neuem der Gedanke auf, ob dann nicht die urjüdische Auffassung, daß Moses der erste und größte Prophet war, daß also der Prophetismus eine zusammenhängende Erscheinungsform des gesamten Judentums ist, übersehen worden ist; es kommt weiter in Betracht, daß diejenigen, die das prophetische Judentum als das einzig wahre hinstellten, vergessen, daß auch ein Elijahu eine besonders markante Erscheinung dieses Prophetismus ist, und weiter, daß die Propheten des Exils und der späteren Zeit zu einem großen Teil solche sind, die in der peinlichen Beobachtung des Kultes, insbesondere des Opferkultes sich nicht genug tun können. Es ist geschichtlich unzulässig, lediglich diejenigen Aeußerungen der Propheten als für den Geist des Judentums und seine Idee allein maßgebenden hinzustellen, die in mehr oder minder klarer Ausdrucksweise irgendwie auf einen Universalismus als die Grundidee der jüdischen Religion hinweisen. Es darf nie vergessen werden, daß sich die Tätigkeit der eigentlichen Schriftpropheten auf mehrere Jahrhunderte erstreckt. Leider wird dies aber sehr häufig vergessen. Leider wird immer wieder übersehen, daß der Prophetismus ohne ein eingehendes Verständnis der geschichtlich-wirtschaftlichen Verhältnisse seiner Zeit, losgelöst von all diesen Bedingtheiten, eine erst sehr spät, nämlich im Zeitalter der Emanzipation erfolgte Auslegung in der Richtung eines angeblich universalen und rein geistigen Messianismus gefunden hat. Und dann noch eine Frage. Kann es überhaupt eine Wissenschaft vom Judentum geben? Ist das nicht Anatomie am Leichnam? Selbstverständlich kann es Einzeluntersuchungen und Einzelforschungen geben. Aber eine Wissenschaft vom Judentum war, wie man heute — wo auch vom nichtzionistischen Standpunkt aus eine sehr lebendige Judenheit anerkannt wird — unbedingt sagen muß, doch eben nur dann denkbar, wenn man das jüdische Volk als bereits erledigt ansieht. Das Gefühl hierfür hat auch Wiener, übrigens bereits in der Einführung. Deshalb seine Ausführungen am Beginn dieses Kapitels, insbesondere seine Stellung zu Zunz. Aber überzeugend wirken sie nicht. III. Wiener hat sich die größte Mühe gegeben, die Ideen und Persönlichkeiten, die zur Zeit der Emanzipation im Judentum von Bedeutung waren, darzustellen. Er hat, wie bereits im Eingang ausgeführt, den Titel seines Buches, der doch den Inhalt wiedergeben soll, nicht richtig gewertet, indem er das gesamte Gebiet der Folklore außer acht gelassen hat. Diese aber ist die wahre Muttererde, aus der das Volksleben erwächst. Die ganze Emanzipation mußte ein Luftgebilde bleiben, da sie in all ihren Lagern sich bewußt von dieser Volksunterlage lossagte. Ihr Kampf um ein reineres Judentum mußte demnach vergeblich sein. Wiener sagt einmal, daß allen einzelnen Forschungen dar persönliche Standpunkt des Historikers vorausgeht, „der ja nie die Dinge so aufschreibt, 185