Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- 4 (1936)
- Issue
- Heft 6-7 (Juli 1936)
- Date
- 1936-07-01
- Page
- – (sequence 38)
- Language
- German
- Belongs to
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Wenn einerseits der Rationalismus eines Mendelssohn, der Universalismus der späteren Nachfolger immer und immer wieder in möglichst objektiver Darstellung geschildert wird, wenn die Veränderung der Auffassung über den Messianismus im wesentlichen richtig gesehen wird, so sei hier die Frage nicht unterdrückt, ob nicht dieser insbesondere von den Liberalen gepredigte Messianismus und der ihm zugrundeliegende Humanismus überhaupt ein verschwommenes Nebelgebilde ist. Gelten diese Begriffe denn nur für Westeuropa, umfaßt denn von diesem Gesichtspunkt aus der Begriff der Menschheit nicht alle Menschen? Gehören zu diesen Menschen nicht auch die Schwarzen, die Gelben? Diese Frage aufwerfen, heißt bereits die gesamte Verschwommenheit dieser Auffassungen ins rechte Licht stellen; vielleicht würde es nicht geschadet haben, einmal auch diesen Gesichtspunkt besonders hervorzuheben. Das nächste Kapitel heißt: Philosophie und Weltanschauung. Von jeher war das Judentum gerade, weil es Lebenshaltung ist, gezwungen, sich mit den von der Außenwelt einströmenden Einflüssen auseinanderzusetzen. Daher rührt auch die große Bedeutung der Religionsphilosophie im Judentum. Immer und immer wieder trat insbesondere dann, wenn in der Umgebung sich neue geistige Bewegungen regten, die Notwendigkeit an das Judentum heran, zu diesen Bewegungen Stellung zu nehmen, sie entweder abzuweisen oder sie sich anzupassen. Aus hier nicht zu erörternden Gründen haben sich die Ideen der Aufklärung und der Emanzipation nicht dem Judentum angepaßt, sondern umgekehrt, das Judentum hat sich ihnen, sehr häufig unter Verleugnung seiner Grundlagen, angepaßt; wenigstens gilt dies für den westeuropäischen Kulturkreis. Kein Wunder also, daß sich eine Reihe von Personen vom neuorthodoxen oder liberalen Standpunkt aus mit den neuaufgekommenen Ideen auseinandersetzten und, wie wir heute endgültig erklären können, im wesentlichen unterlagen. Es ist übrigens charakteristisch, daß sich unter all diesen Geistern nicht ein einziger befand, der als groß oder hervorragend bezeichnet werden kann; das objektiv-geschichtliche Gewissen des jüdischen Volkes hat nicht geduldet, daß ein wahrhaft Großer den Ideen der Emanzipation erlag. Selbst gebildete Juden außerhalb der theologischen Seminare werden kaum auch nur noch die Namen derjenigen kennen, deren Lehren Wiener in diesem Kapitel darstellt. Wer weiß heute noch etwas von Francolm oder von Formstecher? Wer kennt außerhalb der Seminare noch Samuel Hirsch? Wie Wenige befassen sich heute noch mit Steinheim? Ludwig Philippsohn ist dem Gedächtnis selbst der Kreise entschwunden, die einstmals seine Anhänger waren: einen wirklichen Einfluß haben alle diese Genannten für die Dauer keineswegs ausgeübt. Bemerkt sei, daß Hermann Cohen, weil nicht mehr in die eigentliche Emanzipationszeit fallend, von Wiener bewußt nicht mehr behandelt wird, und zwar hauptsächlich deshalb, weil, wie es in der Einleitung heißt, zur Zeit seiner Blüte bereits andere Gedanken, nämlich die jüdisch-nationalen Ideen epochemachend geworden sind. Sehr lesenswert sind besonders die Schlußausführungen dieses Kapitels (Seite 170 ff.), in denen eine gerechte Würdigung all dieser Ideen stattfindet. Sie hätte vielleicht schärfer ausfallen können. Nebenbei sei allerdings bemerkt, daß die Auffassung des Messianismus, die auch Wiener noch in diesen Zeilen vertritt, sicher von den Ideen der Emanzipation stark beeinflußt ist; der Messianismus des Judentums ist unter allen Umständen so stark national untermauert, daß ein allgemeiner menschlicher Messianismus zum mindesten eine Knickung dieser Ideen ist. Auch die Stellung zu Lazarus kann nicht unter allen Umständen geteilt werden, doch kann in diesem Rahmen hierauf nicht weiter eingegangen werden. 184