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Der jüdische Wille · 1936-07-01 · Heft 6-7 (Juli 1936) · page 37

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Journal
Der jüdische Wille
Volume
4 (1936)
Issue
Heft 6-7 (Juli 1936)
Date
1936-07-01
Page
– (sequence 37)
Language
German
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Haupteinwendungen erledigt. Es bleibt ein Werk, mit dem sich jeder befassen muß, der für die geistigen Strömungen unserer Zeit, die auf denen der geschilderten Epoche, wenn auch regelmäßig in negativem Sinne aufbaut, das richtige Verständnis aufbringen will. IL Selten ist auf so knappem Raum das Wesen der durch die Emanzipation und ihre geistige Vorbereitung hervorgebrachten Wirkung auf die in Deutschland lebenden Juden so ausgezeichnet geschildert worden wie hier durch Wiener in seiner Einführung. Klar ist dargestellt, daß das Judentum nicht Religion, sondern Lebensordnung ist; daß es bis dahin eine Einheitskultur bildete, deren religiöse Tönung ihr eine unvergleichliche Kraft verlieh, und daß der Bruch mit dieser Einheitskultur „die jüdische Seele auf's tiefste erschüttert und aus dem Gleichgewicht gebracht hat". Erst im 18. Jahrhundert ist aus diesen Verhältnissen der Begriff der jüdischen Religion erwachsen. Und nun begann der Kampf der Meinungen, wie dieses geistige Sondergebiet der Religion begründet werden und in der Praxis des täglichen Lebens sich auswirken sollte. Es wird dargelegt, daß von einem höheren Gesichtspunkt aus weder die Anhänger der Reform noch die der Neuorthodoxie sich in ihren Grundauffassungen unterscheiden, und daß „für einen Ostjuden, der aus der Distanz seiner eigenen jüdischen Totalität nach dem Westen schaut, der Abstand zwischen rechts und links von weit geringerem Belang war, als sich deutsche Orthodoxen oder Reformierte diesen Unterschied einredeten." Die Juden aller Richtungen suchten eben „Religion im Zusammenhang des auch die jüdischen Menschen in seinen Bereich zwingenden allgemeinen Kulturlebens". „Und so wird auch die Frage gestellt, was unter einem solchen „Wesen" der Religion an sich zu denken sei, das man in Reinheit wieder herstellen wollte", wobei man auf keiner Seite das, was besonders die damalig führenden Personen als Gehalt von ewigem Werte im Judentum ansahen, preisgeben wollte; und diesen Wesensgehalt erblickte man in einer ethischen Weltanschauung. Und so kam es zum Kampf über die Bedeutung des Zeremonials und Rituals, wobei die Reformer fast stets ihre Sache mit den Gründen der Halacha führten, der Halacha, deren Wert und Bedeutung sie im Laufe der Zeit selbst immer mehr einzuengen suchten. Keineswegs wurde der Kampf etwa im Sinne eines Umsturzes geführt. Wenn es einmal dazu kommen sollte, insbesondere aus der modernen Literatur die Darstellung all der Probleme, die im Laufe der letzten zwei Jahrhunderte das Judentum bewegten, in Form etwa eines Lesebuches darzugeben, so müßte diese Einführung unbedingt dort einen Platz finden. Im nächsten Kapitel: Religion, Gesetz und Lebensform, wird der Kampf der beiden Parteien, insbesondere in ihren wesentlichen Vertretern, mit Moses Mendelssohn beginnend} dargestellt. Es bietet eine sehr gute Zusammenfassung und Vertiefung der Geschichtsschreibung jener Epoche, wie wir sie in unseren führenden Geschichtswerken über das jüdische Volk finden. Mit besonderer Liebe sind die Lehren Luzzattos und M, Sachs dargestellt; sollte hierbei nicht die eigene Auffassung des Verfassers, der sich wohl gerade zu den Anschauungen dieser beiden Männer hingezogen fühlt, vielleicht unbewußt zum Ausdruck kommen? Das soll keine Kritik, sondern lediglich eine Feststellung sein. Denn auch mit den Meinungen S. R. Hirschs, Geigers und Holdheims setzt sich Wiener auseinander, wobei er es aber nicht an einer schärferen Stellungnahme fehlen läßt. 183

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