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Der jüdische Wille · 1936-07-01 · Heft 6-7 (Juli 1936) · page 36

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Journal
Der jüdische Wille
Volume
4 (1936)
Issue
Heft 6-7 (Juli 1936)
Date
1936-07-01
Page
– (sequence 36)
Language
German
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daß es keine Religion etwa im christlichen Sinne besitzt, sondern daß es ein Volk ist, das eine Jahrtausende zurückreichende Ueberlieferung besitzt, die in untrennbarer Einheit das Wissen um Gott, nicht den Glauben an ihn, mit dem Bekenntnis zum Volk als dem Träger dieses Wissens in dem auf Gott zurückgeführten Gesetz verbindet. Wenn aber das Volk der Träger des Gesetzes ist, dann geht es nicht an, all das, was dieses Volk in seinem Gemüt bewegt und was gerade im Gefühlsleben die Abhängigkeit von Gott zum Ausdruck bringt, bei einer Darstellung irgendeiner Epoche des Werdeganges dieses Volkes außer acht zu lassen. Auch dann nicht, wenn — vielleicht sogar im Gegensatz zu dem sonst in der Einführung Dargelegten — nur die Religion in einem bestimmten Zeitabschnitt behandelt wird. Die im Talmud niedergelegte mündliche Ueberlieferung ist hierin viel selbstverständlicher, gewissermaßen naiver; unmerklich gehen dort die Abhandlungen über die Halacha in die Hagada über, die Anekdoten, Märchen, Geschichten verschiedenster Art wie überhaupt alles enthält, was irgendwie dem Gemütsleben des Volkes entspringt, und die uns häufig die Quellen des Gottvertrauens wie überhaupt die tiefen Wurzeln oft uralter Ueberlieferungen über Gott, Welt und Menschen klarlegt, die uns besser als jede Spekulation über die Auffassung des Volkes, seinen wahren Glauben und seine Einstellung zu den sich hieraus ergebenden Problemen in schlichter volkstümlicher Weise belehren. Ein Buch, das sich als solches über jüdische Religion bezeichnet, dürfte hieran nicht vorübergehen. Es mag sein, daß in keiner Zeit der jüdischen Geschichte die Auffassungen lediglich seiner religiösen und politischen Führer von solch großer Bedeutung waren, wie in der hier geschilderten Epoche. Immerhin lebten und wirkten in den jüdischen Massen besonders der östlichen preußischen Provinzen noch bis zum heutigen Tage Anschauungen fort, die den klaren Beweis erbringen, daß die volkhafte Religion noch immer ohne jede Rücksicht auf geistige Strömungen vorhanden ist, die lediglich gewissse Kreise insbesondere der Intellektuellen umfassen. Noch herrscht dort viel mehr Mystik, als man gemeinhin annimmt, und selbst der Chassidismus ist weder an den Juden Deutschlands überhaupt noch insbesondere an denen der östlichen Provinzen spurlos vorübergegangen. Deshalb hätte Wiener, wenn auch nur kurz, hierzu Stellung nehmen müssen, weil sonst ein wichtiger Stein in dem von ihm ausgebreiteten Mosaik fehlen muß. Auch das Mystische gehört wie zu dem religiösen Leben aller Völker zu dem des jüdischen Volkes; es bewußt beiseite zu lassen oder gar mit der Gebärde der Verachtung abzuweisen, ist ein übles Erbteil der vergangenen Epoche. Wiener, der sich besonders in der Einführung strebend bemüht, den verschiedensten Auffassungen im jüdischen Volke während dieses Zeitabschnittes gerecht zu werden, mußte unter allen Umständen auch den nur schwachen Strömungen des Irrationellen nach — und auf sie eingehen. Aber er konnte nicht aus seiner Haut heraus, da er seine Ausbildung noch zu einer Zeit genossen hat, in der die Grundsätze gerade der von ihm geschilderten Zeit die herrschenden auf den Ausbildungsstätten unserer Rabbinen waren. So schöne Predigten wir auch von ihnen gehört haben, der richtigen Deutung des ersten der zehn Worte: ich bin Jahwe, dein Gott, der dich aus dem Lande Aegypten hinaus geführt hat, dieses Wortes, das so einfach und schlicht die Volkwerdung und den innersten mystischen Zusammenhang Gottes mit diesem Volke verkündet, sind sie geflissentlich aus dem Wege gegangen. Wenn man noch weiter bemerkt, daß sich das Buch sehr schwer liest, und daß sein Inhalt nur mühsam errungen werden kann, so sind damit die 182

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