Mannheim
Compact Memory

Der jüdische Wille · 1936-07-01 · Heft 6-7 (Juli 1936) · page 34

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der jüdische Wille
Volume
4 (1936)
Issue
Heft 6-7 (Juli 1936)
Date
1936-07-01
Page
– (sequence 34)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2827066-3186705-3186709--1302-3187372
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Juif" erschienener Essaysammlung erheblich mehr Beachtung geschenkt werden solke. Jüdischer Geschichtsunterricht ist, das hoffen wir nunmehr annähernd gezeigt zu haben, vor ein grundlegend anderes Problem gestellt als etwa französischer oder englischer Geschichtsunterricht. Der Begriff des jüdischen Geschichtsbildes ist aus Elementen strukturiert, deren zentrales und vitales das Element des metaphysischen Daseinsgrundes ist, wogegen die raison d'etre jedes anderen Volkes empirisch, rational und voluntaristisch ist. Man ist Engländer, weil man Engländer sein will, man kann ,aber in. demselben „empirischen" Sinne nicht Jude sein. Ein Jude, der ein Jude sein will, sieht sich an jedem Tag seines Lebens und nicht nur dreimal im Jahr, vor ein Genre von Problemen und Fragen gestellt, das jedes andere Volk nur akzidentell kennt. Der Sinn und Zweck der Existenz eines jüdischen Volkes steht unter einem anderen Vorzeichen als der „Sinn" und „Zweck" etwa des französischen Volkes. Die Abgrenzung der Anschauungsphären impliziert um so weniger eine „Bewertungsdifferenz" als das Geschichtsbild des jüdischen Volkes zu jeder Zeit in den Versuchen der Völker, ihrem „empirischen" Dasein eine metaphysische Sinngebung zu verleihen, seine Widerspiegelung fand: Die spezifisch jüdische Idee der Auserwähltheit erscheint, besonders in der abendländischen Geschichte, in der Form des Gedankens der kulturellen Sendung des jeweiligen Volkes, eines Gedankens, der ja sehr aktuell ist. Das beste Beispiel für die Idee der humanitären Mission liefert uns Fichte in einzelnen seiner „Reden", die der großartige Versuch eines Menschen sind, seinem, dem deutschen Volke und darüber hinaus dem germanischen Volkstum eine metaphysische Existenzbestimmung zuzuschreiben. Die Forderung, die sich für den modernen jüdischen. Geschichtsunterricht ergibt, ist, die Immanenz des spirituellen Elements im Geschichtsbild unseres Volkes in pädagogisch und wissenschaftlich fruchtbarer Problemstellung auszuwerten, Die vorhandene Erkenntnis der Zusammenhänge, die, um mit den Worten Schelers zu sprechen, bisher „Bildungswissen" war, muß durch zielbewußte Erziehungsarbeit zum „Arbeitswissen" aktiviert werden. Eine in dieser Richtung geleistete Arbeit wird mit voller Klarheit zeigen, daß moderner jüdischer Geschichtsunterricht mehr ist als „Religionsunterricht" oder „Unterweisung in Judentumskunde", wie jene im Dunst falscher Begriffe schwimmenden Worte heißen. Wir werden vielmehr sehen, daß moderner jüdischer Geschichtsunterricht weder neutral noch klerikal (wenn es so etwas bei Juden überhaupt geben sollte), .sondern humanistisch im besten und weitesten Sinne des Wortes ist. Aus dieser Grundforderung und Tatsache ergeben sich dann die entsprechenden Anforderungen für den Sprachunterricht eines jüdischen Gymnasiums, der neben (dem selbstverständlichen Hebräisch in der Galuth) als vierte Hauptsprache des klassischen Altertums und seiner für die Geschichte unseres Volkes wesentlichen Kulturkreise das Arabische als obligatorisches Fach zu lehren hat. Denken wir nur an die jüdische Wirtschaftsgeschichte in der islamisch-spanischen Epoche. Um zu den Quellen dieser Zeit vordringen und sie mit echtem Verständnis betrachten zu können, benötigen wir die Kenntnis des klassischen Arabisch, Behandeln wir die Auseinandersetzung des Maimonides mit Aristoteles, so brauchen wir Griechisch, erarbeiten wir uns das Kapital des kirchlichen Zinsverbots, so greifen wir zu den betreffenden lateinischen Texten. (Unnötig zu sagen, daß Arabisch als Lehrfach für die Gegenwartsarbeit — ein altes, 180

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.