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Der jüdische Wille · 1936-07-01 · Heft 6-7 (Juli 1936) · page 33

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Journal
Der jüdische Wille
Volume
4 (1936)
Issue
Heft 6-7 (Juli 1936)
Date
1936-07-01
Page
– (sequence 33)
Language
German
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Jüdischer Geschichtsunterricht, will er die Geschichte unseres Volkes geben und keine Theologie oder Geschichte von philosophischen Anschauungen, will er diese Geschichte als das Prinzip und den Prozeß der geistigen Entwicklung dieses Volkes begreifen, muß zu einem, sagen wir, religionsphilosophischen Standort gelangen. Es kommt dabei weniger auf das Wort an — nach B a e c k z. B. ist das Judentum Religionsphilosophie — und auf einen engen Begriffspositivismus, als auf das echte Verständnis der Problemstellung. Auf den Einwand, daß bisher nicht nur Banales, sondern auch nichts Neues gesagt wurde, erwidern wir, daß die zur Diskussion stehenden Fragen gar nicht so alt sind wie man gemeinhin glaubt. Die Frühemanzipation, vor allem in Deutschland, kannte nur Apologetik. Graetz, der Pionier, schrieb seine Geschichte mit einer petitio principii — man denke nur an seine Beurteilung des Chassidismus, (dessen geistige Ausgangsfigur er gar nicht begriff), oder an seine spinozistiche Epoche —, erst Dubnow, unser Zeitgenosse, ist recht eigentlich der erste bedeutende kritische Kopf. Vielleicht wäre mit einiger Vorsicht als ein Vorgänger von Graetz und Dubnow in einzelnen Bezügen der Autor von Rom und Jerusalem anzusprechen. Ein Kriterium für den Stand der Entwicklung oder besser den Grad der Unreife, mit der unser Problem behandelt wird, sind die Kulturdebatten unserer Zionistenkongresse. Es ist eine Binsenwahrheit, daß man „Kultur" nicht „debattieren" kann, ebenso wahr ist aber auch, daß der Prozeß der Kulturschöpfung, der evolution creatrice als eines der aktiven Strukturelemente das Bewußtseih und das gestaltende Wissen um die Kontinuität der geschichtlichen Kräfte voraussetzt. Wir Zionisten, die wir unseren Gegnern seit Jahr und Tag und heute mehr denn je mit vollem Recht die Aktivlegitimation zur Führung und Gestaltung jüdischen Volkslebens abgesprochen haben, wir sind, weil wir dies unser Wissen um das Problem nicht in die Sphäre der gestaltenden Arbeit verpflanzt haben, gerade heute ärmer als in den Tagen des Aufbruchs. Indem wir in unserem Werke und durch dieses Werk das Volk zu seinen Ursprüngen zurückführen wollen, fehlt uns der Boden, auf dem allein wir uns schöpferisch bewegen können: Solange der Zionismus dem Kulturproblem sich durch die Flucht auf eine neutrale Ebene entzieht, solange wird er trotz sicheren und unbestrittenen Besitzes in anderen Bezirken unseres Lebens einem schweren Kampf um seine geistige Position führen müssen. Wie wird unsere Antwort auf diese Dinge lauten, wenn einmal eine Million ins Judenland zurückgekehrt sein werden, und das in einer nicht allzufernen, berechenbaren und abschätzbaren Zukunft? — Das aus der Geschichte unseres Volkes sich ergebende „Geschichtsbild" verbietet keineswegs die Bemühung um ein subjektives Bild. Wir glauben, daß dies eigentlich nicht gesagt zu werden braucht. Jedes Handeln stellt ja eine Verkörperung des Subjektiven dar. Der aktive Geist, aber nur e r, darf interpretieren. Das klassische Beispiel für diese legitime geistige Aktivität bleiben die zionistischen Denker. Sie haben das Geschichtsbild des historischen Judentums subjektiv interpretiert und variiert; wie Achad Haam und Buber. Ihre Arbeit war im Gegensatz zur Assimilation legitim, weil sie gleichzeitig jüdische Geschichte gestaltet und beigetragen haben, deren Kontinuität zu sichern. Diese Gedanken — wenngleich in anderem Zusammenhang, so doch in Behandlung eines dem unseren verwandten Problems —- herausgearbeitet zu haben, ist ein Verdienst von Hans Kohn, dessen vor zwei Jahren in den Editions Rieder, Paris, unter dem Titel „L'Humanisme 179

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