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Der jüdische Wille · 1936-07-01 · Heft 6-7 (Juli 1936) · page 30

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Journal
Der jüdische Wille
Volume
4 (1936)
Issue
Heft 6-7 (Juli 1936)
Date
1936-07-01
Page
– (sequence 30)
Language
German
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schreiben und mit ihm zu verabreden, daß man ein oder zwei Tage mit ihm zur Arbeit geht, wobei man ihn nicht in seinem Arbeitsprogramm stört und selbst etwas von dem Besuch hat — man sieht nicht nur einen Pardess, sondern nimmt mit daran teil, wie die Bäume entstehen, wie sie gepflegt werden; man sieht nicht nur die Kühe und die Hühner, sondern kann sich über die Rentabilitätsfragen vergewissern. Aber Ihr müßt nicht denken, daß unter Touristen nur unsere Freunde aus Deutschland zu verstehen sind; mit unsern Besuchern aus Tel Awiw verhält es sich kaum anders. Es ist wirklich kaum zu schildern, wie fern sie all den Fragen des Lebens auf dem Lande stehen. Jeder Deutsche in der Stadt hat doch noch irgendwelche Beziehungen zum Lande; aber bei uns ist eben der Prozeß ein eigenartiger: von der Landwirtschaft entfernte Juden kamen ins Land; ein Teil ging aus theoretischer (zionistischer) Ueberzeugung aufs Land, um den Anschluß wiederzufinden; die andern Städter blieben Städter, und das Band, das sonst in jedem Land zwischen Stadt und Land besteht, ist bis heute noch nicht hergestellt. Wie weit das geht, ist kaum zu schildern: ich habe führende Zionisten gesprochen, die nicht wußten, was eine Turia ist (man braucht nicht einmal ein gebildeter Deutscher zu sein, um zu wissen, was ein Spaten ist, und die Turia bedeutet für uns mehr als einen Spaten). Man kann in einer Siedlungsgesellschaft ein führender Mann sein, ohne die täglichen Nöte auf dem Lande zu kennen. Mit dieser anormalen Divergenz zwischen Stadt und Land hängt auch zusammen, daß die K.J.V.er auf dem Lande kaum noch Beziehungen zum K.J.V. haben; von dem Dutzend Bundesbrüdern in meiner Umgebung gibt es nicht einen, der zum hiesigen K.J.V. noch innere Beziehungen hätte. Unser Leben verläuft eben in solch andern Bahnen, daß die Betätigung des K.J.V. daran vorübergeht. Einige Versuche, durch landwirtschaftliche Tagungen diese Beziehungen herzustellen, sind bisher erfolglos geblieben. Wenn man die Hoffnung haben könnte, daß in der zweiten Generation die normalen Beziehungen wieder hergestellt werden, könnte man sich damit abfinden; vielleicht ist es natürlich, daß diese Generation in der Stadt bleiben mußte und ihr die Beziehungen zum Lande für immer versagt bleiben. Aber ich sehe nur in Ausnahmefällen, daß unsere Einwanderer aus Deutschland ihren Kindern eine Erziehung geben, die zur Landwirtschaft tendiert; meist setzt man die Erziehung fort, die einem guten jüdischen Kind drüben gegeben wurde (zu welchem Endziel hier?). Das Problem Tel-Awiw kann nicht schwärzer geschildert werden als Weizmann dies im vorigen Jahr in drei großen Reden getan hat. Mit der verschiedenen Einstellung des Städters und des Bauern hängt auch die verschiedenartige Betrachtung wirtschaftlicher Probleme zusammen, Wie oft muß ich z. B. hören, wie riskant es sei, eine Wirtschaft zu betreiben, zu der 20 Dunam Pardess gehören. Die wahre Begründung für eine solche Befürchtung ist sehr einfach: es gab einmal eine Zeit, in der Pardess eine gute Kapitalsanlage war. Man investierte eine Summe, saß in der Stadt oder außerhalb des Landes, und es ergab sich eine so und so hohe Verzinsung. Es ist für jemand, der unter kaufmännischen Gesichtspunkten an die Sache herangeht, auch schwer einzusehen, daß eine solche Lage anormal ist. Denn Pardess ist ebensowenig eine Kapitalsanlage wie dies Falcha oder ein Kuhstall oder sonst ein Zweig der Landwirtschaft ist, sondern er ist eben ein Zweig der Landwirtschaft. Es ist aber kein Geheimnis, daß in diesem Beruf wenig verdient wird und daß man zufrieden ist, wenn man eine Grundlage hat, auf der sich die eigene Arbeit bezahlt macht. Wer die Investition in 176

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