Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- 4 (1936)
- Issue
- Heft 6-7 (Juli 1936)
- Date
- 1936-07-01
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2827066-3186705-3186709--1284-3187354- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1933 den Anstoß zur Bildung und Entwicklung der Terror-Organisationen gegeben hat? Und vergeßt eines nicht: Wenn erst einmal 100 britische Soldaten in Palästina in größeren Kämpfen gefallen sein werden, so wird dies (man denkt dabei an ähnliche Ansichten, die auch Jabotinski geäußert und mit denen er die Forderung der jüdischen Legion begründet hat) für die Politik des jüdischen Nationalheims in der öffentlichen Meinung Englands keineswegs förderlich sein. So etwa würde ein Engländer argumentieren, — wobei ich nicht zu sagen brauche, daß ich nicht etwa beabsichtigt habe, eine Unterhaltung wiederzugeben, die tatsächlich stattgefunden hat. Aber, wer ein wenig England kennt, kann sich in diese Gedankengänge hineinversetzen. Ich weiß nicht, wer von Ihnen das Buch von Kantorowitsch „Der Geist der englischen Politik" gelesen hat. Es gibt dort einen Abschnitt, in dem Kantorowitsch die englische Kolonialpolitik bespricht und hervorhebt, wie noch heute in England die Erregung über das Blutbad nachwirkt, das, ich glaube in den 50 er Jahren des vorigen Jahrhunderts ein englischer Gouverneur in Indien bei Niederschlagung eines Aufstandes angerichtet hat. Nichts fürchtet der englische Beamte so sehr, wie den Vorwurf der liberalen Presse, — und in diesem Sinne ist die gesamte, oder fast die gesamte englische Presse liberal — daß er in übermäßiger und unnötiger Gewaltanwendung unschuldiges Blut vergossen hat. Und wer in England Gelegenheit hatte, Menschen aus den südlichen, ägyptischen und afrikanischen Bezirken des englischen Imperiums zu beobachten, weiß, daß es den Engländern durch ihr Verhalten tatsächlich gelingt, zwar nicht Haß zu überwinden, daß er aber doch den problematischen und für die Interessen des Imperiums chancenreicheren Charakter von Haßliebe hat. Man kann für den Standpunkt der Engländer Verständnis haben, — indem man nämlich begreift, daß die Engländer die Situation in Palästina aus ihrer eigenen Interessenlage und aus ihrem eigenen Kulturgefühl heraus beurteilen, sie also nicht mit unseren Augen sehen, — und wird doch sagen müssen, daß die Regierung, in den Grenzen sogar dieser ihrer eigenen Auffassung, schwere Fehler begangen hat. Vor allem war es ein unverzeihlicher Fehler, zunächst den Steuerstreik für illegal zu erklären und unter schwere Strafandrohung zu stellen, um nachher ruhig zuzusehen, daß dennoch der Streik unter offensichtlicher Förderung des arabischen Obersten Komitees verkündet wurde. Nichts ist so verfehlt, auch vom Standpunkte einer Politik aus, die ruhige Energie der Gewaltanwendung vorziehen möchte, wie ein Verhalten, das Schwanken und Unsicherheit verrät. Hier ist zweifellos ein kardinaler Fehler gemacht worden. Die arabische Bevölkerung kann Drohungen, denen keine Taten folgen, nur als eine Ermutigung betrachten. Und auch viele andere Vorgänge, — die, unverständliche Milde zahlreicher Urteile, die fortgesetzten Verhandlungen mit rebellischen Führern — passen kaum in den Rahmen, den die englische Politik — wie mir scheint — sich selbst gesetzt hat. Die entscheidende Frage aber, die heute alle bewegt, ist nicht die, ob die Regierung in diesem oder jenem Punkte einen Fehler begangen hat, sondern ob aus ihrem Verhalten der Schluß gezogen werden kann, daß die englische Palästina-Politik grundsätzlich eine Veränderung erfahren hat. Mit anderen Worten, ob, wie manche wohl meinen, die Engländer uns „verraten" haben. Was ist — diese Frage muß hier gestellt werden — der /Kerngedanke der englischen Palästina-Politik? Mir scheint, die allgemeine Linie dieser Politik liegt seit langem, mindestens seit dem Weißbuche vom Jahre 1922, 162