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Der jüdische Wille · 1936-07-01 · Heft 6-7 (Juli 1936) · page 10

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Journal
Der jüdische Wille
Volume
4 (1936)
Issue
Heft 6-7 (Juli 1936)
Date
1936-07-01
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Entwicklung bedauern und zu verhindern suchen. Man übernimmt zionistische Forderungen und Terminologien und versucht, diese gegen uns zu kehren. Ein zäher Kampf um Sitze, Aemter und Funktionen wird von denen geführt, die bewiesen haben, daß sie unfähig sind, lebendige Zellen jüdischen Volkstums zu erhalten und auszubauen. Gespensterhaft geistern die Organisationen immer noch herum, von denen nichts mehr übriggeblieben ist, als Büros, Beamte und ein Mitteilungsblatt oder eine Zeitung. Inhalt, Aufgabe und Ziel dieser Organisationen sind verschwunden. Geblieben ist ein großes Nichts, das sich hinter einer Staffage verbirgt, die aufrechtzuerhalten vorläufig noch Mittel vorhanden sind. Die zionistische Politik war neben anderem in den vergangenen Jahrzehnten eine Politik des Kampfes um d i e Juden und gegen Juden in Deutschland. Zäh kämpften wir um jede Position, um jeden Menschen, um jeden Sitz in Gemeinden, Körperschaften und Organisationen. In diesem Kampf wuchs der Zionismus. Die Elite der Juden und vor allem der jüdischen Jugend gewannen wir durch diese kämpferische Haltung. Die Besten kamen zu uns. In den letzten Jahren der Wandlung sind wir in diesem Kampfe erlahmt, weil wir glaubten, gesiegt zu haben. Zweifellos war die endliche Anerkennung des Palästinaaufbaus durch die Juden in Deutschland ein Sieg. D i e Wandlung der meisten Juden aber war keine echte. Zwar gelang es uns, die jüdische Jugend in ihren größten und besten Teilen für die Idee des Zionismus zu gewinnen, jedoch zeigt sich, daß die Erschütterung der tragenden Schicht der Juden nicht zu einer wirklichen Gewinnung für das Revolutionäre und Umgestaltende der zionistischen Idee geführt hat. Die Gefahr, die dem Palästinaaufbau aus einem Pseudo-Zionismus droht, ist größer als die eines Antizionismus, der mit offenen Karten spielt. Um unseres Werkes willen, um unserer Jugend willen und letzten Endes um der Juden in Deutschland willen, muß der politische Zionismus seine kämpferische Haltung wiederfinden. Kooperation bedeutet nicht Kompromiß. Wir sind nicht machtlüstern, wir kämpfen nicht um die Führung der Juden in Deutschland wegen Sitze und Funktionen. Wir wissen, daß der Teil des jüdischen Volkes in Deutschland bei seinem Zustand der Entjudung und der kulturellen Entwurzelung verloren ist, wenn er nicht durch die zionistische Führung einer politischen Willensbildung und einem Regenerationsprozeß zugeführt werden wird. Der Zionismus hat sich stets als Treuhänder gegenüber dem jüdischen Volke gefühlt. Das Erbe, das wir zu verwalten haben, verpflichtet uns. Uns kann nicht an einem „Scholaum" liegen, hinter dem sich Trägheit, Inaktivität und Unfähigkeit verbergen. Wir wollen keine „pax zionistica", sondern die Eroberung jüdischer Herzen und die Gewinnung der jüdischen Menschen in Deutschland für die Idee des Zionismus, nicht um unseretwillen, sondern um ihrer selbst willen. Wir wissen, daß in dem Chaos unserer Tage Rettungsaktionen notwendig sind und stellen uns für diese zur Verfügung. Wir wissen aber auch, daß wir für die kommenden Generationen zu sorgen haben, und daß wir eine Verantwortung vor der Geschichte tragen, um deretwillen wir unseren Blick scharf zu halten haben für das, was klein und für das, was groß ist, und die uns zur Führung verpflichtet. Wir bejahen alle Aktionen der Hilfe aus materieller Judennot und für Errettung einzelner Existenzen. Wir stehen aber in vorderster Front mit allen unseren Kräften, Fähigkeiten und dem Besten, was wir in uns haben, in dem Kampf um die Erlösung des jüdischen Volkes, einem politischen und geschichtlichen Prozeß, an dem wir und die kommenden Generationen sich zu beweisen haben werden. 156

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