Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- 4 (1936)
- Issue
- Heft 6-7 (Juli 1936)
- Date
- 1936-07-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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brandete die so lange zurückgedämmte Skythenflut an die Nordgrenze des Reiches. Darum erschien es dem* Assyrer wichtiger, den Rebellen freundwillig zu erhalten, als ihn geradezu in die Arme des Aegypters zu treiben. Er hat es vielleicht sogar für politisch klug gehalten, Josia eine weitere Expansion zu gestatten. Josia mag zumute gewesen sein wie einem Verschütteten, der, aus langer Betäubung erwachend, mit Erstaunen die Sterne über sich sieht und freie Luft atmet. Als Josia nicht mehr zweifeln konnte, daß Assur die Beherrschung des Westlandes endgültig aufgegeben hatte, ergriff er sofort die ungeheure Gelegenheit: er annektierte die assyrische Provinz Samaria. Die jammervolle Gleichgültigkeit unserer Quellen gegenüber dem politischen Geschehen hat disen Schritt Josias nicht des Berichtens wert gefunden*). Und doch war es das wichtigste Ereignis israelitischer Staatspolitik seit dem Tode Salomos; es war der entschlossene Versuch der Wiederaufrichtung des davidischen Einheitsreiches., Was Rehabeam vergeblich mit dem Schwert versucht hatte, was 'Omri und Ahab nicht gewagt hatten, was Amasja mit dem Verlust seines Thrones bezahlt hatte, das fiel jetzt diesem Liebling Gottes in den Schoß. Josia brauchte nicht einmal um die Angliederung Nordisraels einen Kampf zu führen; denn Assyrien gab seine Provinz ohne Widerstand auf, und die Israeliten selbst waren, wie schon bei der ersten Gebietserweiterung Judas unter Menasse, infolge der engen kulturellen und religiösen Beziehungen zum Süden der Wiedervereinigung mit den stammverwandten Judäern durchaus zugeneigt. So gewiß durch die assyrische Politik der Ansetzung von Kolonisten die Bevölkerung von Samaria Veränderungen erfahren hatte, so sicher waren diese fremden Beimischungen durch ihre verhältnismäßig geringe Zahl nicht imstande, den israelitischen Grundstock der Bevölkerung wesentlich abzuwandeln, wenn sie auch für die religiöse Entwicklung und für das Vordringen der aramäischen Sprache von Bedeutung waren. Der entgegengesetzte Eindruck ist nur durch die spätere tendenziöse Berichterstattung der nachexilischen Schriftsteller entstanden. Wir können annehmen, daß Josia vorsichtig genug war, bei seinen gegen Assyrien gerichteten Vorgehen sich der wohlwollenden Duldung, vielleicht sogar der Unterstützung Aegyptens zu versichern, das seit den Eroberungen Psammetichs in Philistäa sein unmittelbarer Grenznachbar geworden war. Wie weit nach Norden Josia seinen Herrschaftsbereich jetzt und in den folgenden Jahren ausdehnte, ist nicht mit Sicherheit zu sagen. So viel steht fest, daß er das gesamte Bergland Ephraim ganz in seiner Hand hatte und über die Ebene Jisreel 609 vollkommen verfügte (s. u. S. 186). Darum verdient die Nachricht des Chronisten (2. Chr. 34,6) Glauben, daß er sogar bis nach Galiläa, in das Gebiet von Naftali, übergriff; und die wiederholte Erwähnung von Dan in Prophetien Jeremias, die aus dem Jahre 626 stammen (Jer 4,15; 8,16), macht es sehr wahrscheinlich, daß es Josia gelang, seine Grenze bis an die Jordanquellen, »da, wo es nach.Hamat geht«, vorzuschieben. Damit war im westjordanischen Gebiet — über das Ostjordanland haben wir keine Nachricht — der Einheitsstaat Israel im vollen Umfang wiederhergestellt. Dieser über alles Hoffen große politische Erfolg war die Voraussetzung und Grundlage der religiösen Reformen Josias. Sie entzündeten in dem beweglichen und jedem edlen Streben aufgeschlossenen Geiste des jungen Königs das Feuer einer göttlichen Sendung. Konnte er jetzt nicht nach den höchsten *) Er läßt sich aber mit Sicherheit aus den Erwähnungen samarischen Gebietes bei den religiösen Reformen Josias (2. K. 23, 15; 2. Chr. 34, 6) und aus den Vorgängen des Jahres 609 (s. u. S. 186) erschließen. 151