Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- 4 (1936)
- Issue
- Heft 6-7 (Juli 1936)
- Date
- 1936-07-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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im Jahre 622. Er beginnt deshalb sofort mit diesem Jahr, dem 18. Regierungsjahr Josias; daß diesem Ereignis weitreichende politische und kulturelle Voraussetzungen zugrunde liegen, läßt er gänzlich unbeachtet. Der Chronist, der aus oben erörterten Gründen dieser Zeit weit unbefangener gegenübersteht, hat aus seiner Quelle wenigstens einige Notizen über diese erste Zeit Josias übernommen (2. Chr. 34, 3—7)» die wir deswegen für durchaus geschichtlich halten, weil die innere Logik der Geschehnisse für sie spricht. Näheres über das Verhältnis der beiden Berichte zueinander und über ihre Darstellung der Reform Josias s. u. S. 165. Der Knabe Josia stand die ersten Jahre seiner Regierung unter der Leitung eines Regentschaftsrates, der vermutlich von den Ministern und dem Oberpriester gebildet wurde. In dieser Zeit _ sind die Fundamente für seine Lebensrichtung gelegt worden. Denn seit der schwere Druck der Menasse- Zeit aufgehört hatte, regte sich allenthalben die religiös-nationale Bewegung wieder. In ihr trafen sich jetzt, für ein Stück des Weges, Priester und Propheten, und wie immer waren die Propheten die stürmischen Anreger, die Priester die praktischen Auswerter. Ihre Gedanken fielen in der bildsamen Seele des jugendlichen Königs auf fruchtbaren Boden. Als Josia 16 Jahre alt war und die Regierung selbständig übernahm (632), begann er nach dem Wort des Chronisten (2. Chr. 34, 3) »Gott zu suchen«. Er ist zeit seines Lebens ein wirklicher Gottsucher geblieben; aber neben dem Drang nadi dem rechten Wege für die eigene Seele stand bei ihm jederzeit das Gefühl der Verpflichtung, als König auch für sein Volk diesen Weg freizulegen, und die kühle politische Berechnung, die in der Welt der harten Wirklichkeit erst die Möglichkeit der Durchsetzung schafft. 4 Jahre dauerte diese Zeit der Vorbereitung, von der wir inhaltlich nichts wissen, die aber gewiß neben der inneren auch eine politische Vorbereitung war. Der politische Niedergang Assyriens wurde in diesen letzten Jahren Assurbanipals offensichtlich: Psammetrich I. von Aegypten konnte es sich erlauben, über seine Grenze hinaus und in die assyrische Provinz PhiUstäa überzugreifen und Asdod jahrelang zu belagern, ohne daß Assyrien auch nur den Versuch machte, ihn in seine Schranken zurückzuweisen. Da mag es zweifelhaft sein, ob die assyrische Oberherrschaft über Juda, noch 2 Jahrzehnte vorher ein drückendes Joch, mehr als nur eine staatsrechtliche Fiktion war, ja ob überhaupt noch ein Anerkennungstribut von Jerusalem nach Ninive ging. Für einen jungen, tatenlustigea König war die Zeit zu großen Taten gekommen. Im Jahre 628 — noch lebte Assurbanipal! — tat Josia den entscheidenden Schritt, um die Gunst der Stunde zu nutzen. Er entfernte aus dem Reichstempel von Jerusalem die Attribute der assyrischen Kulte, die sich hier seit Menasse, zum Teil seit Ahaz, befanden: das Standbild der Istar (2. K. 23, 6), die Sonnenrosse und Sonnenwagen (23, 11), die Altäre des'Bei-, Istar- und Gestirnkultes und die Kultgeräte (23, 4)» die Frauenhäuser der Tempelprostituierten, (23, 7), die Priester selbst, die den Dienst versahen. Das war nicht so sehr eine religiöse Reform — denn diese assyrischen Kulte waren ohnehin nur Fremdkörper im Geistesleben Israels — als vielmehr ein Staatsakt von höchster Tragweite: es war, wie wir heute etwa sagen würden, die Niederholung der assyrischen Flagge. Mit dieser Schließung des assyrischen Kultes entzog sich der 20jährige Josia der Oberhoheit Assurs und erklärte Juda für selbständig. Was folgte nun? Kam ein assyrisches Heer, um Juda zu verwüsten und den vorwitzigen jungen König in Ketten nach Ninive zu schleppen? Es erfolgte nichts. Assurbanipal war 70 Jahre alt und müde, und seit 2 Jahren 150