Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- 4 (1936)
- Issue
- Heft 4-5 (Mai 1936)
- Date
- 1936-05-01
- Page
- – (sequence 48)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2827066-3186705-3186708--1262-3187331- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
an. Häufiger jedoch finden wir, daß sich der einzelne Jude seines schicksalhaften Ortes bewußt wird und danach verlangt, zu wissen, ob sein So- Sein ein einmaliges ist oder ob sich im Ablauf des Geschehens schon ähnliches zugetragen hat. Daher werden wir bei den meisten Juden von heute ein ganz lebendiges Interesse für alle Fragen unserer Vergangenheit finden. So darf ein jedes Buch, das irgendein jüdisches Geschichtsproblem, gleichgültig welcher Epoche, behandelt auf einen großen Leserkreis rechnen. Wenn wir dieses in seiner Wertigkeit nicht zu unterschätzende Interesse Rückkehr zum Judentum nennen, dann ist die Zahl der Rückkehrer und Intensität des Zurückkehrens beachtlich. So sind wir gewiß, daß das hier angezeigte Buch weitestes und tiefstes Interesse finden wird, da es in einer besonders anschaulichen, heutigen Sprache das Problem der Makkabäer darstellt. In einer ganz besonders reizvollen Weise packt Bickermann das Problem an, wobei durchaus strittig bleibt, ob die Deutung, die er gibt, dem tatsächlichen geschichtlichen Ablauf gerecht wird. Das wird in vollem Umfang auch erst dann beurteilt werden können, wenn er. wie versprochen, die Quellen wiedergibt, aus denen er seine neuen Erkenntnisse der Frage schöpft. Hier sei — ohne auf geschichtlich-tatsächliche Einzelheiten einzugehen — seine interessante These mitgeteilt. Wir kennen die Schwarzweißmalerei der Makkabäerbücher, in denen alle Schuld auf Seiten des bösen Antiochus Epiphanes und alles Verdienst auf Seiten der gotthingegebenen Chassidim liegt. Der syrische König will in seiner Bosheit die Juden zum Götzendienst verführen, die schwachen Hellenisten verfallen ihm auch, nur die frommen Chassidim sind standhaft und retten das Volk im Namen des einen Gottes vor der Verderbnis. So einfach kann offenbar der geschichtliche Sachverhalt nicht gewesen sein. Ja, war überhaupt Antiochus Epiphanes der böse Mann, wie ihn die Makkabäerbücher zeichnen, waren die Hellenisten die Schwächlinge, die lediglich der Verführungskunst des syrischen Königs unterlagen? Bickermann sucht darzutun, daß die wirklich Tätigen, die geistigen Urheber der radikalen Hellenisierung, gerade die Hellenisten waren. Er ist der Meinung — den Beleg dafür zu bringen, hat er versprochen —, daß der Hohepriester Menelaos das Verbot des mosaischen Gesetzes und die Einführung heidnischer Sitten durch einen königlich-syrischen Erlaß erwirkt habe, daß also nicht Antiochus Epiphanes der böse Mann gewesen ist, sondern Menelaos, ein Jude, der sich zur Durchsetzung seiner Ziele der Macht des Königs bedient. Das ergäbe, wenn die These Bickermanns sich als richtig erweisen sollte, eine ganz neue Sicht des geschichtlichen Problems. Hier würde sich erweisen, mit welcher Mächtigkeit der Einfluß des Hellenismus auf ein noch bodenständiges Judentum sich geltend zu machen wußte, wie eine Assimilation an eine fremde Kultur, eine Aufgabe des eigenen Selbst auf eigenem Boden möglich werden konnte. Diese Anpassung des Judentums an das Griechentum, die Beibehaltung jüdischer Auffassung und Sitte nur dort, wo sie griechischem Geschmack nicht widersprach, konnte auf die Dauer nicht begrenzt werden, sondern mußte notwendigerweise auch das letzte jüdische Gut, Gottesbe'griff und Gottesvorstellung und Gottesverehrung antasten. Ebenso notwendig setzte in diesem Zeitpunkt der Widerstand aller Gesund-Empfindenden ein, eben jener allen bekannnte Kampf der Makkabäer. Stellen sie aber, so fragt Bickermann, nachdem sie den Sieg errungen, die alte jüdische Lebensordnung wieder her? Nein. Sie können sich auch nicht dem hellenistischen Einfluß entziehen, aber, so meint er, sie meistern ihn. Wie? Juda Makkabi tut etwas bisher in der jüdischen Welt nicht Dagewesenes, er setzt ein Fest ein. Die aus Babylon zurückgekehrte Gemeinde hat 138