Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- 4 (1936)
- Issue
- Heft 4-5 (Mai 1936)
- Date
- 1936-05-01
- Page
- – (sequence 46)
- Language
- German
- Belongs to
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orchestrale Kolorit, und damit doch mit das Reizvollste einer polyphonischen Komposition, ernsthaftem Bemühen erschließen. So könnte, wie man auch im Einzelnen und sogar grundsätzlich zu Jacob stehen mag, von seinem Werke als von einem „Hausbuch" (im edelsten Wortsinn, ohne jeden faden Nebengeschmack), wenn ihm nur erst in die Breite zu wirken vergönnt sein wird, eine neue Aera der Bibelnähe für die deutschen Juden beginnen. Dafür wollen wir Jacob herzlich dankbar sein und seinem Werke weiteste Verbreitung und erzieherischen Widerhall wünschen. * * * Pädagogik im Alten Testament und im Orient „Das deutsche Institut für wissenschaftliche Pädagogik" in Münster hat es unternommen, in seinem groß angelegten, auf etwa 30 Bände berechneten „Handbuch der Erziehungswissenschaft" eine Gesamtübersicht über die Geschichte und Institutionen, die Elemente und Tendenzen der pädagogischen Wissenschaft zu geben. Im Teil V dieses monumentalen Werkes, der sich mit der Geschichte der pädagogischen Ideen und Einrichtungen in den großen Kulturländern befaßt, interessiert uns vor allem, vom besonderen jüdischen Aspekt aus, die von Josef Schröteler herausgegebene Darstellung der „Pädagogik der nichtchristlichen Kulturvölker." Teil V Bd.I, Verlag Kösel & Pustet, München, 1934, 372 Seiten, 14 RM.) Hier wird in eingehender und systematischer Weise u. a. das Erziehungswesen im Alten Testament und des ägyptischen und babylonisch-assyrischen Kulturkreises (von Lorenz Dürr) behandelt; auch die Darstellung von Erziehung und Unterricht des Islam (von Otto Pretzl) fand hier ihren Platz. Wir dürfen es offen aussprechen, daß wir diesem aus katholischem Geist heraus geschaffenen außerordentlichen Werk jüdisch etwas Gleichwertiges nicht an die Seite zu setzen haben. Dies darf um so mehr unterstrichen werden, als Judentum und jüdische Geistigkeit mehr als die Kultur irgendeines Volkes den Begriff des Lernens und Lehrens zum Mittelpunkt hat. Thora übersetzen wir mit Lehre, und neuerdings vielleicht noch zutreffender mit Weisung; ihre fünf Bücher sind der Idee nach Anfang und Ende menschlicher Weisheit. Und folgerichtig ergeht, dreimal am Tag« wiederholt, die Aufforderung an einen jeden Juden: Du sollst es einschärfen deinem Sohn! — So bildet das Geistesgut unserer Vorfahren eine einzige „Pädagogik", und keine unserer Schriften kann verstanden werden ohne die Absicht, durch das Studium in ihr den Einzelnen und das Volk zu einer höheren Stufe auf jenem Wege zu führen, dessen Endziel lautet: Ein Reich von Priestern und ein heiliges Volk. Zeit und Ursprungsland unserer Volkskultur haben dieser Lehre ihre Besonderheit aufgeprägt. Israel lebte ein geistiges Sonderdasein, aber es lebte doch unter den Völkern und in seiner Zeit. Wenngleich auch die Betrachtung müßig ist, ob die Ideen und Postulate der Bibel früher oder gleichzeitig mit ihr im Gedankengut orientalischer Nachbarvölker sich finden, — meinen wir doch, im Gegensatz zur sokratischen Lehre, daß es nicht genügt, das Gute zu kennen, um es auch zu tun, sondern daß die idealste Forderung ihren Wert erst erhält, wenn ein einzelner oder gär ein Volk sie zur Richtschnur des Lebens macht, und daß sie wertlos bleibt als abstraktes Wissen im Bereich unverpflichtender Gedanken, — so erscheint es andererseits nur natürlich, 136