Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- 4 (1936)
- Issue
- Heft 4-5 (Mai 1936)
- Date
- 1936-05-01
- Page
- – (sequence 45)
- Language
- German
- Belongs to
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Jacobs Werk ist ein wahrhaft jüdischer Kommentar, Die christliche Bibelforschung hat, nicht stets, aber doch meist, bei aller Wissenschaftlichkeit letztlich doch unwissenschaftlich gehandelt: sie verstand und erklärte, d. h. mißdeutete, die jüdische Bibel im Hinblick auf die Vollendung der jüdischen Gedankenwelt im Christentum, Der jüdische Kommentar kann in dieser Beziehung wirklich unabhängig und voraussetzungslos sein: er erklärt die Bibel nur aus sich selbst, als in sich geschlossenes Denkmal, das zwar zahlreiche Stufen religionsgeschichtlicher EntWickelung erkennen läßt, nun aber keiner Vervollkommnung durch ein anderes religiöses System, keines Schlußsteines mehr bedarf. Es ist auch deshalb ein jüdischer Kommentar, weil Jacob, Zeile für Zeile zeigt das, von der warmen Liebe des Juden zu seiner mütterlichen Bibel erfüllt ist, die ihm Eckstein seiner jüdischen Existenz ist (aber Liebe macht oft blind, und gerade in solcher Grundhaltung liegt auch eine Gefahrenzone für wissenschaftliche Erkenntnis). Nimmt man alles in allem, so wird sich für Jacobs Werk dreifache Wirkung ergeben: 1, Wissenschaftlich, Diese Seite näher zu beleuchten, gehört nicht hierher, sondern in die gelehrte Auseinandersetzung, Jacobs Standpunkt ist überraschend konservativ. Die Tora ist ihm nicht nur literarisch ein Ganzes aus einem Guß, sie lehrt auch autoritativ (S. 27). Es bliebe zu erörtern, ob bei dieser These noch eine wissenschaftliche Genesis der Genesis geschrieben werden kann. Auf Offenbarung und Verbalinspiration aber beruht die Tora auch nach Jacob nicht. Das ist die klare Abgrenzung gegen den orthodoxen Standpunkt. Aber daß die Tora als Menschenwerk von vornherein eine Einheit ist, von einem Meister so gewollt und geformt, wie sie vor uns liegt, das zu zeigen bemüht sich Jacob durchweg. So entstand, in fortgesetzter Harmonisierung eine Art neuer Midrasch auf wissenschaftlicher Grundlage, wie Thomas Manns Jakob-Josef-Geschichte ein moderner Midrasch der fortentwickelnden psychologisierenden Phantasie ist. Alles ist für Jacob sinnvoll genau so, wie es dasteht. Bei solcher petitio principii gibt es freilich keine gedanklichen und literarischen Widersprüche; aber auf diesem Wege kann man auch Homer einheitlich auffassen. Und die Kernfrage, die Jacob bei seinen Erklärungen leitet: „Wie wollte die Tora verstanden sein?" und der man nur voll zustimmen kann, hat sich schließlich David Hoffmann und jeder kritische Erklärer auch gestellt — und doch, welch andere Deutungsbilder! An dieser Frage nämlich werden sich die Geister der Bibelerklärer stets von neuem entzünden und stets von neuem scheiden, 2, Pädagogisch, Das Werk bietet den Leitern von Bibelkursen, wie sie jetzt so erfreulich stark in Volkshochschulen, Bünden und Arbeitsgemeinschaften abgehalten werden*), ebenso den Lehrern im jüdischen Mittelschul- und Religionsunterricht, schätzbarste Materialien und Anregungen für die eigene Vorbereitung und gemeinsame Besprechung. Für sie wird der „Jacob" hoffentlich unentbehrlich werden. 3, Für das Selbststudium. Mancher möchte ein paar Mal in der Woche Bibel lesen, „lernen", weil es ihm Herzensbedürfnis ist, weil er fühlt, daß Jüdisches doch nicht denkbar ist ohne den Urgrund, aus dem alles Jüdische einst gewachsen ist. Mit Jacob als Führer, der ein weites Panorama vor uns ausbreitet und zugleich auf jedes wichtige Detail den Blick lenkt, kann sich auch der Anfänger im Hebräischen bei genügender Ausdauer allmählich ein solides Bibelverständnis erarbeiten. Wo bisher, bestenfalls, nur die Hauptmelodie der biblischen Symphonie ansprach, wird sich nun das *) Im V. J. St. hatte ich schon um 1910 Bibelkurse eingeführt. 135