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Der jüdische Wille · 1936-05-01 · Heft 4-5 (Mai 1936) · page 43

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Journal
Der jüdische Wille
Volume
4 (1936)
Issue
Heft 4-5 (Mai 1936)
Date
1936-05-01
Page
– (sequence 43)
Language
German
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Buchbesprechungen Zurück zur Bibel I Von Bbr. Bruno Kirschner, Die folgende Anzeige hat sich über Geböhr verzögert. Deswegen sei bei Autor und Verlag, die durchaus Interesse an schneller Besprechung und Anspruch hierauf haben, Verzeihung erbeten. — Allerdings habe ich bisher nur einen Teil des Jacob'sdien Werkes (bis S. 704) zur Einsichtnahme erhalten. Der Zugang zur Bibel ist schwer. Seit 2000 Jahren wird dieses Buch, obwohl es die halbe Welt erobert hat, in Sinn und Geltung umkämpft. Kaum ein Jahrhundert, das nicht, entsprechend seinem Lebensgefühl, die Bibel neu verstanden und erklärt hat. Die Geschichte der Bibeldeutung ist ein wesentlicher Bezirk der abendländischen Geistesgeschichte. Wenn schon der Bibelgläubige jeder Religion, soweit er sich nicht völlig naiv und primitiv dem ersten Eindruck der biblischen Erzählung, Lyrik, Rhetorik, Gesetzgebung, Geschichtsdarstellung hingab, hundert Fragen hatte und zwischen Hunderten von Antworten sich entscheiden konnte — wie schwer mußte und muß es dem nicht dogmatisch befangenen Laien, für den doch die Bibel schließlich auch da ist, und erst recht dem kritischen Wissenschaftler werden, einen Standort für eine einheitliche Betrachtungsweise zu gewinnen. Und von wievielen Gesichtspunkten aus ist nicht die Bibel im Wandel der Zeiten und Anschauungen erforscht worden: als Quelle religiöser Erkenntnis* Belehrung, Erbauung und Praxis; als Beitrag zur Religionsgeschichte und -Psychologie; als Vorstufe des Christentums, als historisches Dokumentenwerk für den alten Vorderorient, unter rein ästhetischen Aspekten, als politisches und soziales Kernprogramm von bleibender Geltung, als rein nationales Schrifttum, als Literaturgattung usw. Diese Stichworte zeigen schon, welches Handwerkszeug (ich .gebrauche das Wort in diesem Zusammenhang naturgemäß nur ungern) nötig ist, um dem ungeheuren und vielgeschichtigen Stoff näherzukommen. Begnügt man sich nicht mit der einfachen und frommen Anschauung des biblischen Gedankengutes, nicht mit der traditionellen Lektüre des Wochenabschnitts, nicht mit der praktikablen Auswertung der Vorschriften der Tora für das tägliche Leben, nicht mit der Unerforschlichkeit ihrer letzten Geheimnisse, so gehöre« zum Verständnis der Bibel — also dessen, was sie sagt, aus welchem Anlaß und Grunde, zu welchem Zwecke, in welchem geistesgeschichtlichen Zusammenhang, in welcher Form sie es sagt — sehr umfassende Kenntnisse: religionswissenschaftlicher, literargeschichtlicher, archäologischer Art, Kenntnisse in der vorderasiatischen politischen und Kulturgeschichte, in Völkerpsychologie; und schließlich gehört wohl auch ein religiöses Organ dazu. Uebersehen wir endlich nicht die erforderliche Beherrschung des Hebräischen (und der Forscher muß auch in den verwandten Sprachen, z. B. Arabisch, Assyrisch, Bescheid wissen, die vielfach erst schwierige Wörter, Wortverbindungen und Begriffe verständlich machen). Diesen komplexen Voraussetzungen steht der nichtgelehrte Mensch zunächst natürlich hilflos gegenüber. So ist die Bibel, sieht man von dem Interesse des orthodoxen und des Berufsjuden ab, ein Monopol rein wissenschaftlicher Betätigung geworden. Volkstümlich war sie im 19. Jahrhundert in assimilierten Kreisen jedenfalls nicht mehr. Der Jude der vergangenen Generation sah vielfach das Unverständliche, Fremde, Widerspruchsvolle, nach seiner Auffassung Ueberholte in der Bibel deutlicher als das Einfache, Allgemein-Menschliche, ewig Gültige; und das Eigene, das Jüdische, die 133

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