Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- 4 (1936)
- Issue
- Heft 4-5 (Mai 1936)
- Date
- 1936-05-01
- Page
- – (sequence 37)
- Language
- German
- Belongs to
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Ihm schwebte der Gedanke einer Bibliothek etwa in der Art der „Deutschen Bücherei" in Leipzig vor. In der Bibliothek sollte alles enthalten sein, was jemals von Juden oder Nichtjuden über Juden, Judentum in religiöser und weltlicher Beziehung über Erez Israel oder in hebräischer Sprache geschrieben wurde. Chasanowitsch hat lange vor der Einführung der gesetzlichen Bestimmungen über Pflichtexemplare in den meisten europäischen Ländern den Gedanken des moralischen Pflichtexemplars in jüdischen Kreisen propagiert. Leider ist es trotzdem bis heute keine Selbstverständlichkeit« daß jeder jüdische Schiftsteiler oder Verleger seine Werke von selbst nach Jerusalem schickt. Sogar die meisten zionistischen Büros müssen erst aufgefordert werden, Veröffentlichungen einzusenden. Wenn Chasanowitsch von Anfang an die Größe dieses Werkes übersehen hätte, wäre ihm wahrscheinlich der Mut zu seinem Werk vergangen« Nach dem Krieg übernimmt die Zionistische Organisation die Bibliothek. Nicht mehr als 30 000 schlecht untergebrachte und kaum katalogisierte Bände sind vorhanden. Opferbereite russische Zionisten erwerben für einen hohen Preis die Bibliothek des Baron Ginzburg in St. Petersburg, dieselbe kann jedoch vor den Bolschewiken nicht mehr gerettet werden. Nach der Uebernahme der Leitung der Bibliothek durch Dr. Hugo Bergmann (1922) erweitert sich der Aufgabenkreis der Bibliothek insbesondere nach der Gründung der hebräischen Universität i. J. 1925. Alle Werke, die der Universitätsbetrieb erfordert, mußten beschafft werden. Zu diesem Zweck werden in allen Ländern Gesellschaften der Freunde der Nationalbibliothek gegründet, in Deutschland i. J. 1923 von Prof. Warburg und Heinrich Loewe. Ein neues würdiges Heim entsteht aus den Mitteln des Nachlasses von David Wolffsöhn in dem repräsentativen Bau auf dem Skopus. Dieser Bau« der für 300 000 Bände eingerichtet wird, ein Bestand, den man erst für das Jahr 1950 erwartet hat, ist bereits in 6 Jahren zu eng geworden, der Magazinzubau wird dringend notwendig. Der Bestand der Nationalbibliothek beträgt heute 360000 Bände. Die Spezialisierung nach einzelnen Disziplinen wird weitergeführt. Eine dreifache Aufgabe hat unsere Nationalbibliothek neben ihrer Nebenaufgabe als Staatsbibliothek: 1. Als Nationalbibliothek enthält sie oder soll sie enthalten alle Druckwerke, die in Beziehung zu Juden und Judentum, zu hebräischer und jüdischer Philologie, zu Erez Israel und dem Vorderen Orient stehen« aus sämtlichen Ländern der Erde und in allen Sprachen; alle hebräischen Werke ohne Rücksicht auf deren Inhalt. Dieser judais tische Teil enthält bisher 87 000 Bände. 2. Die orientalische Abteilung trägt der besonderen Lage und den kulturpolitischen Aufgaben des jüdischen Palästina inmitten der Welt des Vorderen Orients Rechnung, eine wichtige Aufgabe bei der Bemühung der Verständigung —» auch der politischen — mit dem Orient. Den Grundstock dieser Abteilung bildet die weltberühmte Bibliothek von Prof. Ignaz Goldziher in Budapest. 3. Als Universitätsbibliothek soll sie gleichwertig werden den europäischen Vorbildern und den besten Anforderungen entsprechen. Wohl haben gerade die letzten Jahre das Werk erheblich vorwärts gebracht, aber alles ist im Werden, nichts ist fertig. Das Werk kann nur gelingen, wenn alle geistig Interessierten der Gesamtjudenheit mithelfen. Was Jahrhunderte versäumt haben, was in der Diaspora verloren gegangen oder 127