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Der jüdische Wille · 1936-05-01 · Heft 4-5 (Mai 1936) · page 35

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Journal
Der jüdische Wille
Volume
4 (1936)
Issue
Heft 4-5 (Mai 1936)
Date
1936-05-01
Page
– (sequence 35)
Language
German
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aus, wenn die jüdische Religionsauffassung es ablehnt, zu diesem Geist eine andere Beziehung anzunehmen als diejenige der absoluten Abhängigkeit, die jedem Geschöpf, jedem Geschaffenen dem Schöpfer gegenüber innewohnt* Dieses Abhängigkeitsgefühl kann sehr wohl, wie es ja so häufig in der Bibel geschieht, mit dem der Abhängigkeit des Kindes vom Vater in Verbindung gebracht werden, stets ist und bleibt das rein Geistige die Grundlage der religiösen Auffassung, dieses rein Geistige, das jedem Meschen im Verstand unnahbar ist, das mit keiner menschlichen Eigenschaft in Verbindung gebracht werden kann und darf, das sich in den mannigfaltigsten Erscheinungen und Tätigkeiten auswirkt, das aber grundsätzlich niemals anders als in tiefster Scheu und Ehrfurcht zu fühlen ist. Nur in einer Hinsicht hat der Schöpfer sein unendliches Wesen den Menschen näher gebracht, indem er sich selbst als den Urgrund des sittlichen Gesetzes offenbart hat. Das ist der tiefe Sinn des Wesens der Offenbarung. Gott ist der Quellgrund der Sittlichkeit und demgemäß auch zugleich der Weltenrichter. Was heißt Sittlichkeit? In dem ewigen Kampfe des Trieblebens, das der geschaffenen Natur eigen ist, gegen das göttliche Sittlichkeitsgebot mußten dessen Vorschriften im wesentlichen lauten: „Du sollst nicht." Das Triebleben verlangt das sogenannte Sichausleben. Das sittliche Gebot lautet aber: „Das darfst Du nicht, das sollst Du nicht." Deshalb konnte die Offenbarung der zehn Gebote gar nicht anders lauten als „Du sollst nicht", wenn es sich um Beherrschung des Trieblebens handelt. Damit läßt es sich durchaus vereinbaren, daß dem Triebleben im weitesten Sinne des Wortes im tatsächlichen Leben, insbesondere in den religiösen Festen ein bedeutender Spielraum gelassen ist. Die Materie, die Grundlage des Trieblebens, besteht nun einmal. Ein irdisches Leben ist, wie schon das Wort „irdisch" besagt, eben ohne Erde, ohne Materie, ohne die ihm innewohnenden Eigenschaften gar nicht denkbar. Wohl aber ist es die Aufgabe des Menschen, der im Ebenbild Gottes geschaffen ist, diese Materie mit dem göttlichen Geist zu erfüllen, soweit es ihm möglich ist, sich und die Materie zu heiligen, wie es in der Bibel immer wieder heißt. Die ursprünglichen Naturfeste, die an Saat und Ernte anknüpfen, wurden dem religiösen Genius des jüdischen Volkes entsprechend vergeistigt. Es sei ohne weiteres zugegeben, daß dies nicht immer restlos gelungen ist, aber das ändert nichts an der Tatsache der Vergeistigung selbst. An sich wäre es durchaus denkbar, das Sehnen nach diesem Geist, das Streben, sich ihm namentlich sittlich immer mehr und mehr zu nähern und ihn in der Welt zu verwirklichen, ganz allgemein ohne Rücksicht auf ein Volk, einen Stamm, eine Gemeinschaft als ein gütiges Geschenk Gottes an die Menschheit überhaupt anzunehmen. Tatsächlich beweist aber die Geschichte, daß diese einen anderen Weg gegangen ist. Die Offenbarung hat sich eben zunächst in einem Volke ausgewirkt, dieses Volk ist deshalb der Träger der Offenbarung geworden, und gerade die sittlichen Grundsätze der Offenbarung sind laut biblicher Lehre diesem Volke verkündet und auferlegt worden. Insofern ist auch für dieses Volk die gemeinsame Abstammung von hoher Bedeutung; denn dieses Volk ist der Träger der Offenbarungsidee. Weil aber die Stammeseinheit andererseits nur ein menschlich Gewordenes ist, hat dieses Volk diese Tatsache zwar als wesentlich anerkannt, aber seiner Bestimmung gemäß nicht eigentlich in den Vordergrund seiner Geschichtsauffassung gerückt. Nach dieser Auffassung ist eben der absolute Geist: Gott, und dieser ist der Gott der Geschichte, d. h. der Beherrschung des Geschaffenen durch den Geist, wie er in der Offenbarung in Erscheinung tritt, und deshalb fühlen sich die Anhänger dieses Glaubens grundsätzlich als eine Gemeinschaft, mag man sie nun Stamm öder Volk oder sonstwie nennen. 125

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