Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- 4 (1936)
- Issue
- Heft 4-5 (Mai 1936)
- Date
- 1936-05-01
- Page
- – (sequence 34)
- Language
- German
- Belongs to
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Schaft derartig eingewirkt haben, daß uns heute erst wieder ganz dunkel zum Bewußtsein kommt, daß insbesondere orientalische Logik, wenigstens des vorderen Orients, und orientalische Wissenschaft und Geschichtsauffassung etwas anderes sind. Hier werden noch lange, lange Zeiten vergehen, ehe es dem Judentum gelingen wird, die verschütteten Quellen seiner Auffassung wieder aufleben zu lassen. Ein drittes Mal haben die sogenannten modernen Auffassungen, wie sie insbesondere seit der französischen Revolution sich durchgerungen haben, auf das Judentum eingewirkt. Alle die Gedankenkreise, die als diejenigen des Liberalismus, der Humanität und der mehr oder minder starken Beseitigung der Betonung des Begriffes der Volksindividualitäten bezeichnet werden, haben aus den verschiedensten Gründen gerade in dem letzten Jahrhundert auf das Judentum und insbesondere auf die in Deutschland begründete jüdische Theologie Einfluß ausgeübt. Alles das, was wir heute Assimilation nennen, ist von der Theologie sehr häufig als das Jüdische hingestellt worden« In dieser Hinsicht setzt erst in ganz neuer Zeit die Auseinandersetzung ein, es beginnt erst jetzt — im geschichtlichen Leben spielen ja einige Jahrzehnte keine Rolle — die Rückbesinnung darauf, was wirkliches Judentum ausmacht. Weil gewisse Ideen, die häufig rein wirtschaftlich bedingt waren, längere Zeit die herrschenden in Westeuropa waren, und weil gerade in Westeuropa die Idee der sogenannten Menschenwürde sich als stärker erwies als die Idee des Volksganzen, hat das Judentum sich gerade dieser Idee um so mehr verschrieben, als das Judenvolk von dieser abstrakten Idee eine Besserung seiner Lage erhoffte. Ebenso wie seiner Zeit Philo und Maimonides der Meinung waren, daß Judentum und Griechentum, letzteres insbesondere in seiner aristotelischen Prägung, nicht nur der Weisheit letzter Schluß, sondern im wesentlichen auch identisch seien, hat sich das Judentum im Laufe der letzten eineinhalb Jahrhunderte, wenigstens soweit Westeuropa in Frage kam, auf den Standpunkt gestellt, daß der gesamte Komplex der sogenannten liberalistischen Auffassung ebenfalls im wesentlichen mit der jüdischen Auffassung übereinstimme. Es wird sehr schwer fallen, das, was innerlich jüdischem Wesen verwandt ist, beizubehalten, und alles das, was ihm nicht eigenartig ist, wieder auszumerzen. II. Wie oft mögen sich viele von uns, zum mindesten in Westeuropa, die Frage vorgelegt haben: was hält uns noch am Judentum fest? Was hat uns denn davon abgehalten, endgültig in der Umgebung aufzugehen, obwohl das Mittelalter sich die größte Mühe gab, diesen Versuch durchzuführen? Die Antwort kann doch wohl nur dahin lautem wir sind anders als unsere Umgebung und wollen anders bleiben. Man sagt gemeinhin, daß es die Religion sei, welche uns von der Umgebung unterscheidet. Das ist falsch. Im Judentum ist, wie bei keiner anderen Erscheinung auf dieser Welt, Religion und Volkstum untrennbar und unverwischbar miteinander verbunden. Die Religion ist lediglich eine Aeußerungsform dieses Volkes, allerdings seine wesentlichste. Diese Religion hängt unbedingt, wie schon bemerkt, mit ihrem Gottesbegriff zusammen. Der Gottesbegriff des Judentums ist ein rein geistiger. Jede Anknüpfung an etwas Aeußerliches ist streng verboten. Von Gott und seinem Wesen darf kein Bild zeugen. Gott ist der Schöpfer der Natur, er steht deshalb über ihr. Das geistige Prinzip ist es, das ihn zum Schöpfer macht. Und dieser geistigen Grundlage des gesamten Kosmos, die jede Mittlertätigkeit ausschließt, insbesondere jede Mittlertätigkeit, die irgendwie mit dem Geschaffenen, mit der Natur zusammenhängt, entspricht es durch- 124