Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- 4 (1936)
- Issue
- Heft 4-5 (Mai 1936)
- Date
- 1936-05-01
- Page
- – (sequence 33)
- Language
- German
- Belongs to
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Zeiten auseinandersetzen müssen, es hat sie teilweise aufgenommen und verarbeitet, soweit sie seinem Wesen entsprachen; es hat sich aber auch nie vermeiden lassen, daß andererseits Ideen, die seinem Wesen nicht entsprachen, sich ebenfalls mehr oder minder lange geltend machten und Einfluß ausübten, und daß es dann häufig längerer Zeiträume bedurfte, um diese Einflüsse wenigstens teilweise wieder zu beseitigen. Einflüsse solcher Art waren vor allem zur Zeit der Besitznahme des Landes und im Anschluß daran diejenigen, die vom kanaanäischen Naturkult herkamen und sich in gewisser Hinsicht bis heute nicht haben ausmerzen lassen. Dazu gehört vor allem der Opferkult. Die Darbringung eines Opfers als solchen, welche die Versöhnung des Ueberirdischen durch freiwillige Abgabe von Besitz und Habe bezweckten, findet sich in der ganzen Welt. Ebenso häufig wurde damit auch die Erwirkung der Gunst des Ueberirdischen bezweckt. Ging diese Auffassung Hand in Hand mit einem Kult, der zugleich in mehr oder minder drastischer Form insbesondere die zeugenden Naturkräfte in seinen Kreis zog, so kann es nicht Wunder nehmen, daß es bald zwischen einer Auffassung, die eine rein geistige zum Ueberirdischen war, und einer rein irdischen zum Widerspruch kommen mußte. Es sei ununtersucht, ob das jüdische Volk, als es in das Blickfeld der Geschichte trat, diese rein geistige Auffassung bereits besaß, es spricht sehr vieles dafür, insbesondere das uralte Verbot der bildhaften Darstellung des Ueberirdischen. Sicher ist das eine, daß in bereits früher Zeit die geistig hochstehenden Persönlichkeiten diese Auffassung unbedingt vertraten. Der unwiderlegliche Beweis hierfür ist der Kampf des Propheten Arnos gegen den Opferkult, der gegen die Geschichte behauptete, daß zur Zeit der Wüstenwanderung ein solcher nicht bestanden hätte. Schon die Aufstellung einer solchen Behauptung zu einer Zeit, als das gesamte Mittelmeergebiet noch in den Opferkultgedanken geradezu verstrickt war, beweist eindeutig, daß eine rein geistige Gottesauffassung dem Judentum immer immanent war. Die Geschichte lehrt uns nun, daß es unmöglich ist, eine geistige Idee rein und unverfälscht in die Tat umzusetzen, es kommt stets ein mehr oder minder schwächliches Kompromiß mit den Ideen zustande, welch« die großen Massen beherrschen. So auch im Judentum. Dies gilt um so mehr, wenn so sinnfällige Erscheinungen, wie sie der Opferkult darstellt, zugleich ein nationales Bindemittel bilden und wenn dieses Bindemittel bei einem die Nationalität zähe festhaltendem Volke notwendig wird, um die sonst das Wesen der Nationalität ausmachenden Tatbestände, also vor allen Dingen Grund und Boden und Sprache, zu ersetzen. Wenn also auch das Opfer insbesondere in späterer Zeit außer in Jerusalem selbst verboten war — übrigens lehrt die Geschichte, daß zur Zeit der Perserherrschaft und späterhin dieser Satz zum mindesten für Aegypten nicht galt —, so beweist doch die Lehre vom Opferdienst noch in der heutigen Erinnerung an diesen am Versöhnungstage und in sonstigen Gebeten, daß die Idee des Opferkultes nicht vollständig überwunden wurde. Und es ist ja auch zweifellos talmudische Auffassung, daß dereinst dieser* Opferkult in irgendeiner Form wieder auferstehen werde. Es ist nicht unsere Aufgabe, uns mit dieser Auffassung hier auseinanderzusetzen, es sei lediglich auf sie hingewiesen. Ein zweites Mal mußte eine große Auseinandersetzung des Judentums mit dem Hellenismus stattfinden. Das Eindringen der hiermit verbundenen Ideen führte zu der blutigen Auseinandersetzung in der Epoche der Makkabäer; sie hörte aber niemals ganz auf und dauert gewissermaßen auch heute noch fort. Unter diesem Gesichtspunkt sind die Lehren des Maimonides und die sich daran anschließenden Kämpfe zu betrachten; soweit das occidentale Judentum in Frage kommt, kann es keinem Zweifel unterliegen, daß insbesondere griechische Logik, griechische Philosophie und griechische Wissen* 121