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Der jüdische Wille · 1936-05-01 · Heft 4-5 (Mai 1936) · page 32

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Journal
Der jüdische Wille
Volume
4 (1936)
Issue
Heft 4-5 (Mai 1936)
Date
1936-05-01
Page
– (sequence 32)
Language
German
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Judentums freundlicher gestimmt hätte? Ich glaube, das kann unterbleiben. Der große Forscher, Deuter und Künder, der uns trotz allem die Welt immer wieder sehen lehrte wie kaum ein anderer, bleibt uns, was er war, und es darf uns dabei nicht allzu sehr kümmern, wie wenig wir ihm waren. Daß er aber auch uns Juden etwas war und noch immer sein kann, liegt an dem mit Recht betonten (s. Kaphahn a. ä. 0., S. 106—107), vielleicht ihm selbst nicht immer deutlich bewußten Unterschiede zwischen seinem Pessimismus und dem eines Schopenhauer. Für diesen ist die Welt von grundauf schlecht und ihre Ueberwindung nur durch Flucht des Einzelnen in den weltfernen, kühlen Bereich beschaulichen Betrachtens und Bedenkens möglich. Jacob Burckhardts Pessimismus dagegen gilt uneingeschränkt „nur unter ganz bestimmten historischen Konstellationen, wie in der Spätantike und in der Gegenwart, oder unter ganz besonderen ethnischen Voraussetzungen wie bei den Griechen." (Kaphahn, a. a. O., der hier mit guter Begründung darauf hinweist, daß Burckhardt den griechischen Pessimismus aus bestimmten einmaligen Eigenschaften des Griechenvolkes ableitet, und daß nach ihm der Untergang Griechenlands „nicht aus der inneren Abnahme der Kräfte der Nation, sondern aus ihrer physischen Selbstzenstörung resultiert". — Welch interessante Parallelen und Antithesen ergeben sich hier für eine Betrachtung des Schicksals der jüdischen Nation im Altertum wie in der Neuzeit!) Im Grunde hofft er immer wieder auf „eine wenn auch ferne bessere Zukunft" (a, a. 0.). „Ich weiß", schreibt er unter dem 5. 3. 1871 an v. Preen, „das Wünschen wird uns mehr als einmal zum Narren halten, und wir werden Licht zu sehen glauben, wo uns nur die Augen flimmern; aber kommen muß es doch." Und mag es uns auch immer wieder schmerzlich sein, wie selten und mit welcher Distanzierung er in seinen großartigen Betrachtungen über Staat und Religion, über die „geschichtlichen Krisen", über die „historische Größe", über „Glück und Unglück in der Weltgeschichte" des jüdischen Volkes gedacht hat, — wir können zum Schluß doch immer wieder an uns selbst das Wort richten, das auch e r gelten lassen müßte, weil es griechisch war, und das wir schon fast als jüdisch empfinden: „Die Götter, die dich schlugen, richten nun dich auf." Freilich, der, dem es der sophokleische Chor zurief, ging schon in den Hades ein, und willkürlich hatten ihn die Götter geschlagen, willkürlich richteten sie den jammervoll Umhergetriebenen im Sterben auf. Wir glauben, daß unser Gott unser Volk nicht sinnlos geschlagen hat, und hoffen, daß er es nicht zum Sterben, sondern zu sinnvollem Leben aufrichten wird. Aber wenn es daneben erlaubt sein sollte, von Zeit zu Zeit auch den Göttern Griechenlands zu huldigen und sogar ein wenig heidnischen Kult zu treiben, so darf gesagt werden: auch der Olympier Jacob Burckhardt gehört zu den Gottheiten, die uns schlagen, aber immer wieder aufrichten. Randbemerkungen Von Bbr. Georg Wunderlich - Oppeln. L Es gibt nichts, was in irgend einer Weise durch die Umgebung mit bestimmt wird. Dies gilt nicht nur für die körperliche Welt, sondern, und vielleicht sogar noch in höherem Grade, für die geistige. Auch das Judentum hat sich im Laufe der Jahrtausende mit all den geistigen Strömungen der 122

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