Mannheim
Compact Memory

Der jüdische Wille · 1936-05-01 · Heft 4-5 (Mai 1936) · page 29

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der jüdische Wille
Volume
4 (1936)
Issue
Heft 4-5 (Mai 1936)
Date
1936-05-01
Page
– (sequence 29)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2827066-3186705-3186708--1243-3187312
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

seines Petrarca sehr zugesagt" — Brief vom 30, 10. 1875 an Bernhard Kugler —, und er überließ ihm, bei betonter Interesselosigkeit an eigenen abgeschlossenen Werken, die. Neuausgabe seiner „Kultur der Renaissance" und ließ sie ihm auch, als von dritter Seite sachlich begründete Warnungen erfolgten.) Hat er doch auch, obwohl er von der Theologie herkam, für das antike Judentum kaum je volles Verständnis, geschweige denn Sympathien gehabt. Daran ändert nichts eine Reihe von gelegentlichen Bemerkungen, die die Bedeutung der Psalmen anerkennen, die jüdische Prophetie „eine der freiesten und größten Aeußerungen des ganzen alten Orients" nennen, das sechzigste Kapitel Jesajas als „unvergleichlichen Ausdruck der Inspiration" bezeichnen oder die Kämpfe der Menschen Jerusalems gegen Titus preisen, die ihm neben Karthago und Numantia „aufgenommen scheinen in die Reihe von Lehrern und Vorbildnern der Menschheit in der einen großen Sache: daß man an das Gemeinsame alles setze und daß das Einzelleben der Güter höchstes nicht sei. So daß aus ihrem Unglück ein herbes, aber erhabenes Glück für das ganze entsteht." Dem unvergleichlichen Kenner und Verherrlicher des Griechentums, für den trotzdem — oder deshalb? — Schopenhauers Pessimismus die Geschichtsphilosophie war und der Optimismus die Quelle fast allen irdischen Unheils, blieb zeitlebens das Judentum fremd und wenig anziehend. Gibt es eine Einstellung, die dem altjüdischen Geschichtsdenken äußerlich schärfer entgegengesetzt ist als diese: „und häufig ist zumal die gerechteste Verteidigung ganz nutzlos gewesen ... Schlecht ist der Trost mit einem höheren Weltplan und dergleichen. Jede erfolgreiche Gewalttat ist allermindestens ein Skandal, d. h. ein böses Beispiel; die einzige Lehre aus gelungener Missetat des Stärkeren ist die, daß man das Erdenlebten überhaupt nicht höher schätze, als es verdient."? Schien ihm doch, trotz seines Rufes nach Religion, auch das Christentum neuerlich zu optimistisch geworden und deshalb einem Weg aus den Wirren der Gegenwart nicht förderlich zu sein. ,J)as große Unheil ist im vorigen Jahrhundert angezettelt, hauptsächlich durch Rousseau mit seiner Lehre von der Güte der menschlichen Natur. Plebs und Gebildete destillierten hieraus die Doktrin eines goldenen Zeitalters, welches ganz unfehlbar kommen müßte, wenn man das edle Menschentum nur gewähren ließe. Die Folge war, wie jedes Kind weiß, die völlige Auflösung des Begriffes Autorität in den Köpfen der Sterblichen, worauf man freilich periodisch der bloßen Gewalt anheimfiel. In den intelligenten Schichten der abendländischen Nationen war inzwischen die Idee von der Naturgüte umgeschlagen in die des Fortschritts, d. h. des unbedingten Geldverdienens und Komforts mit Gewissensbeschwichtigung durch Philantropie ... Die einzige denkbare Heilung wäre: daß endlich der verrückte Optimismus bei groß und klein wieder aus den Gehirnen verschwände. Auch unser jetziges Christentum genügt hierzu nicht, da es sich seit hundert Jahren viel zu stark mit diesem Optimismus eingelassen und verquickt hat. Kommen wird und muß die Veränderung, aber nach Gott weiß wieviel Leiden." (2. 7. 1871 an v. Preen.) Vollends der Islam galt ihm als zu allen Zeiten vorwiegend kulturschädlich und selbst die gesamte spanisch-arabische Periode vor und nach den Ommayaden lediglich als „täuschendes Bild" kultureller Blüte! Aber nicht nur der Pessimismus war die Grundlage seines universalgeschichtlichen Bildes. In diesem spielten auch die „heilsame Zögerung", das „vielleicht Wünschenswerte im Retardieren" eine immer größere Rolle (was übrigens sein neuester trefflicher Biograph Kaphan in dem Lebensabriß, welcher der im Verlag Kröner soeben ersohiene- 119

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.