Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- 4 (1936)
- Issue
- Heft 4-5 (Mai 1936)
- Date
- 1936-05-01
- Page
- – (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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ihren Geschäften nicht gestört zu werden, Die Börse aber zeigt ja täuschend hohe Kurse und eine große Ruhe. Einstweilen lese ich Drumont: „La France juive" und . . . Drumont ist in anderer Weise sehr lesenswert, namentlich für Deutsche. Er sieht stellenweise Gespenster. Manches aber ist neu und doch frappant wahr." „. . . 16. 6. 1888. Als ich in Ihrem w. Brief von Ende März die köstlichen Züge aus dem persönlichen Verkehr mit dem verewigten Kaiser kennen lernte, waren hier unsere Aerzte bereits der Meinung, auch Kaiser Friedrichs Leben zähle nur noch nach Wochen, und nun ist er gestern erlöst worden. Er war eine glänzend sympathische Gestalt, aber uns draußen kamen doch kuriose Gedanken, als wir in diesem merkwürdigen Vierteljahr inne wurden, welche Parteien sich bereits um die Macht wie um ein offenes Erbe stritten, und wie vor allem die Judenpresse Posto gefaßt hatte.' — IV. Gewiß sind das nicht alles letzte Weisheiten. Gewiß sehen sie die Dinge nur von einer Seite. Gewiß fragen sie — welche Ausnahme bei diesem Briefschreiber! — überhaupt nicht, warum die Dinge so geworden sind, wie sie sind, machen überdies für das Verhalten eines kleinen Teils eine Gesamtheit verantwortlich. Gewiß war Burckhardt die neuere jüdische Geschichte nahezu restlos unbekannt. Gewiß hat er auch an anderen Stellen über andere Gegenstände und Menschen, über die Griechen, über sein geliebte^ Italien, über deutsche und französische Politik u. a. m. mit ähnlicher pessimistischer Schärfe geurteilt. Hatte er doch schon in früher Jugend sogar über seinen von ihm selbst hochverehrten Lehrer Ranke geschrieben, bei der Wahl, es entweder mit seinem Publikum oder mit der Wahrheit zu verderben, sei der große Gelehrte „nicht ganz sauber". Also wohl das Böseste, was man einem Historiker vorwerfen kann. Gewiß sagt sogar der Herausgeber, in den späteren Jahren sei des Briefschreibers „Sorge oft größer als seine gute Laune" gewesen. Das ist alles richtig, und doch treffen diese paar bitterfeindlichen Zeilen so mitten ins Lebenszentrum, zeigen so unbarmherzig, welche Wirkungen der sich assimiliert glaubende Jude, ohne es selbst im geringsten zu ahnen, ausübt — und welche nicht! —, und sehen Kommendes zu so früher Zeit so unheimlich genau voraus, daß sie insoweit für uns ein Musterbeispiel von bleibendem Werte sind. Auch trifft die Behauptung, Jakob Burckhardt sei ein weltabgeschiedener Gelehrter ohne Verständnis für die Notwendigkeiten des Tages gewesen, schon gar nicht zu. Es ist zwar richtig, daß J. B. im persönlichen Leben sich immer mehr von allem intimen Verkehr zurückzog. Es gibt darüber in den Briefen des Alternden einige ergreifende Stellen. Aber wer ihm, der ja sogar als Redakteur der „Basler Nachrichten" und Korrespondent der „Kölnischen Zeitung" in unmittelbarer Berührung mit der Tagespolitik gestanden hat, schärfste Beobachtung und Beobachtungsgabe für das tägliche Leben abstreiten will, scheidet damit ein für allemal als ernsthafter Beurteiler J. B.s aus. Ueberdies sind die fraglichen Aeußerungen gerade in innigem Briefwechsel mit einem die Politik in allen Einzelheiten praktisch beherrschenden hohen Beamten des liberalen Baden entstanden. V. Wenn man sich all dies schonungslos klar gemacht hat, dann darf man sich wohl auch ein klein wenig Tröstliches zu diesem Thema sagen. J. B, konnte wohl dem Judentum kaum anders als kühl gegenüber stehen, zumal er auch im persönlichen Leben wenig Berührung mit Juden hatte. (Ludwig Geiger hat ihm „bei einem Besuch persönlich und seither durch die Lektüre 118