Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- 4 (1936)
- Issue
- Heft 4-5 (Mai 1936)
- Date
- 1936-05-01
- Page
- – (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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sehen Aeußerungen des jeweilig Beredeten gegeneinander und schloß unter allgemeinem Beifall mit der Konstatierung, ein Antisemit im heutigen Sinne sei N, N, keineswegs gewesen. Manchmal konnte auf diesem soliden Unterhau noch eine antizionistisch zu deutende Wendung als Krönungsstück präsentiert werden. Wenn etwa Ibsen einmal geschrieben hatte, die Zerstreuung der Juden über die ganze Welt sei gerade ein Vorzug, oder gar Herder bemerkt hatte, Palästina sei immer sehr steinig gewesen, so freute sich die jüdische Zuhörerschaft nicht wenig über solch fetten Bissen. Mit sicherem Instinkte mied man es, die Stellung solcher Männer zu jüdischen Fragen kennen zu lernen und bekannt zu geben, die uns irgend etwas noch für die Gegenwart Wesentliches, wenn auch im Ergebnis nicht Angenehmes zu sagen hatten. II. Ein Musterbeispiel für diese Behandlung der Dinge bietet die unverständlich geringe Beachtung gewisser, seit anderthalb Jahrzehnten vollständig im Druck vorliegender Briefe Jacob Burckhardts, in denen er sich über deutsch^jüdische Fragen mit ungemeiner Schärfe geäußert hatte. Dabei kann man wirklich nicht behaupten, daß Jacob Burckhardt den gebildeten deutschen Juden ein Unbekannter war. Aber all die Männer, die mit 16 Jahren die „Kultur der Renaissance" gelesen, die Jüdinnen, von denen nur wenige beim Kofferpacken für die Hochzeitsreise nach Italien den „Cicerone" einzupacken vergessen hatten, dieselben Menschen, die dem großen Basler — keineswegs immer nur nach snobistischer Modephrase, sondern vielfach wirklich! — „für ihre Bildung soviel zu verdanken hatten", von diesen unbequemen Mahnungen wollten sie ebensowenig Kenntnis nehmen wie die sogenannte Judenpresse selbst, die sich doch sonst auf ihre Objektivität soviel zugute tat. Und wo man auch, als Anfang 1922 jene Aeußerungen lückenlos vorlagen, in jüdischen Kreisen auf sie hinweisen wollte, erlebte man eine Abfuhr, die sich sehen lassen konnte. Auf gallige Gelegenheitsbosheiten eines alten Mannes Gewicht zu legen, sie gar noch politisch werten zu wollen, sei töricht. Mit der Veröffentlichung dieser Dokumente habe man dem Andenken des großen Humanisten einen schlechten Dienst erwiesen. Das sei nicht der echte Burckhardt, auch wenn die Briefe hundertmal echt seien. Ueberhaupt sei der Herausgeber Emil Strauß Antisemit usf. Obwohl schließlich 1934 eine deutsche Tageszeitung — und dann auch eine zionistische — einen kleinen Teil der Aeußerungen im Auszuge brachte, sind sie auch heute noch in jüdischen und selbst in zionistischen Kreisen, wie man sich immer wieder überzeugen muß, erstaunlich unbekannt. So mag uns denn das Erscheinen einer 650 Seiten starken neuen Sammlung Burckhardts eher Briefe (deren großartige Menschenwürde übrigens, trotz manchmal recht kräftiger Beimischung von Galle, das universale Wissen und die unheimliche Ahnungsgabe des Briefschreibers fast noch übertrifft), in die die erwähnten Worte zur Judenfrage wieder nur zu einem kleinen Teil aufgenommen sind, heute einen äußeren Anlaß geben, einmal auf jene frühere Sammlung (Briefe an seinen Freund Friedrich von Preen, Deutsche Verlagsanstalt Stuttgart-Berlin, 1922) zurückzukommen und die wesentlichen Aeußerungen, in aller Bescheidenheit, als Material zu dauerndem Gedächtnis, zusammenzustellen. III. „. . . 3. 10. 1872. Wien war ganz herrlich ..... Politisiert wurde fast gar nicht; wo zufällig die Rede diese Richtung nahm, kam ich auf eine ganz wunderbare Zerfahrenheit. Nur eines wurde mir sehr deutlich: der wachsende Widerwillen gegen die allmächtigen Juden und deren durch 116