Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- 4 (1936)
- Issue
- Heft 4-5 (Mai 1936)
- Date
- 1936-05-01
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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weshalb wir auch zur sprachlichen Vereinfachung imstande sind: das abstrakte, allgemeine Vater, nur durch die verschiedene Beziehung, mein —• dein, getrennt. Die dänische Sprache z, B. ist in der Abstraktion weiter gegangen als die deutsche und erreicht deshalb den gleichen Effekt mit geringeren Mitteln. Während Deutsch noch die Unterschiede von ich bin, du bist, er ist, kennt, sagt der Däne lediglich: jeg (ich) er, du er, han (er) e r. In diesem Falle ist dänisch einfacher, weil abstrakter. Wenn also das moderne palästinensische Hebräisch neue vereinfachende Abstraktionen schafft, so müssen wir sie freudig begrüßen, während unsere Sprachmystiker von der Verderbung der Sprache reden werden. Beispiele: Es besteht die Tendenz, Hb-— nicht — auch überall dort zu sagen, wo es „eigentlich" — ebenfalls: nicht — heißen müßte. Früher sagte man im Präsens: UHIK ich liebe nicht, aber in der Vergangenheit: VHÜPIX $h ich liebte nicht oder ich habe nicht geliebt. Heute sagt man schon fast überall auch tih ^JN das *p>$ fällt unter den Tisch. Wenn ich für die Verneinung in Gegenwart und Vergangenheit verschiedene Ausdrücke habe, so ist das zweifelsohne komplizierter, als wenn ich in beiden Fällen das gleiche Wort verwende. Der Unterschied liegt allein in der Komplikation, der sprachliche Effekt wird durch die vereinfachende Abstraktion — nur um eine solche handelt es sich — nicht verändert. Der Realist und Rationalist begrüßt also diesen neuen syntaktischen Gebrauch, während sein Gegner von einem Verstoß gegen die Regeln sprechen wird. Aehnlich verhält es sich, um ein zweites Beispiel zu nennen, mit dem Formenunterschied von Adjektiv und Adverb. Adjektiv gut 21tD; Adverb gut' HtD^n. Das moderne Hebräisch verwischt diesen Unterschied und verwendet fast durchgängig mtD a*s Adjektiv oder Adverb. Hier hat also in einer Reihe von Fällen das moderne Hebräisch bereits Schritte vorwärts gemacht, ist in diesem Sinne eine „gute" Sprache geworden. An einer Reihe an anderen Fällen ist das bisher noch nicht gelungen. Auch hierfür wiederum ein Beispiel: Die Fremdworte. Als Substantive können sie ohne weiteres gebildet werden. Telefon heißt auch im Hebräischen Telefon, Sterilisation heißt „Sterilisatia". Die Schwierigkeit beginnt mit den Verbalformen. Bei Telefon war es einfach. Für Telefonieren hat man „talfen" (oder talpen) gebildet. Bei „Sterilisatia", wie überhaupt mit den meisten Fremdworten, hapert es dagegen mit der verbalen Form. Sterilisieren? „laassot sterilisatia" ist erstens nicht gut, zweitens nicht genau. Die Lösung ist noch nicht gefunden. Hebräisch ist also in dieser Beziehung noch rückständig. Zum Abschluß noch allgemein: die Tatsache, daß sprachliche Neu- und Umbildungen durch den Volksmund geschehen, ist an und für sich kein Grund sie abzulehnen, auch dann nicht, wenn sie gegen bisher geltende Regeln verstoßen. Es ist lediglich zu prüfen, ob sie zweckmäßig sind, d.h. sprachliche Präzision schaffen bei gleichzeitiger Vereinfachung der sprachlichen Mittel. Ist das der Fall, so sollten wir uns über das Neue freuen und wissen, daß dies der Weg jeder Sprache, jeden Volkes ist. Wir normalisieren uns so auch sprachlich und sollten es mit Mosche Leib Lilienblum, einem der Führer des Odessaer Komitees der Chibbath-Zion halten. Man erzählte ihm eines Tages, daß ein jüdischer Bauer in Kastanien — einer der ersten Kolonien in Palästina — ein Pferd gestohlen habe. Als er das hörte, rief er aus: mn pib yywn win&> "n nna yna „Gelobt seist Du Gott usw., der Du uns dies erleben und uns in diese Zeit gelangen ließest. Ein Bauer stiehlt ein Pferd, wir sind keine Chaluzim und Idealisten mehr; wir «ind wieder ein normales Volk!" III