Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- 4 (1936)
- Issue
- Heft 4-5 (Mai 1936)
- Date
- 1936-05-01
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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der Zitate bekundete Wissen und Weisheit; so wurde die Häufung der Wörtlichkeiten nicht nur als wert, sondern auch als schön empfunden« Der sprachliche Lebensraum war das Lehrhaus und das Bethaus, und selbst da, wo die Sprache ins Leben trat, blieb diese Relation, die den sprachlichen Ausdruck bestimmte, gewahrt. So blieb die Sprache noch immer Domäne der Weisen und Gelehrten, die die Kenntnis ihrem Studium verdankten; denen das für den täglichen Umgang Ungewöhnliche schon so zur Natur geworden war, daß sie, die eigentlichen und einzigen Kenner der Sprache, aus dem religiösen Studierzimmer her die Sprache nur in dem ihnen gesetzten Rahmen ins Profane trugen. Auch in diesem Bezug machte die Sprache eine gewisse Entwicklung durch; doch glich sie nicht der Entwicklung, wie sie organisch im Munde eines ganzen, mannigfach geschichteten Volkes sich vollzieht« Sprache wurde nicht zur letzten Natürlichkeit; sie konnte bis zur Neugestaltung in Palästina nicht endgültig unbefangenes Ausdrucksmittel werden, es umgab sie das Fluidum des Gelehrten, Künstlerischen — Künstlichen. Um so mehr darum, weil die hebräische Sprache immer eine zweite Sprache neben der eigentlichen Muttersprache (Spanisch, Arabisch, Italienisch, Russisch, Jiddisch usw.) war. Das Sich-Bedienen der hebräischen Sprache bedeutete immer eine geistige Sondereinstellung und Umstellung, die etwas von dem Ungewöhnlichen hatte, das so zur Natur geworden war, daß es dem Zwei- oder Mehrsprachigen als ungewöhnlich nicht mehr empfindbar war« Es ist bekannt, wie bis in unsere Tage hinein große Dichter mit dem Ausdruck für das Primitive im alltäglichen Leben rangen und viele Hcbraisten der Galuth, wo sie sich der Mühe des sprachlichen Nachdenkens entziehen wollten, sich nicht des Hebräischen, sondern ihrer „Muttersprache", des Russischen, des Jiddischen usw. bedienten. Es ist bekannt, daß Bialik in intimem Kreise nicht Hebräisch sprach, diese Sprache, die „man sprechen'' müßte, während dagegen das Jiddische „sich" spricht. Es ist ferner augenscheinlich für jeden, der heute in Palästina Achad Haam studiert, wie er noch mit dem Ausdruck ringt bei der Kennzeichnung praktischer Gegebenheiten, für die heute das palästinensische Kind den Terminus und die Form selbstverständliches Eigentum seines Sprachschatzes nennt. Und doch waren diese beiden Großen bahnbrechend in der Entwicklung unserer neuen, modernen Nationalsprache. Es resultiert also daraus, daß sich ein sprachlicher Einschnitt naturnotwendig vollziehen mußte, als die Sprache in diesem Lande in den vollen Rahmen des profanen Lebens trat und dieses Leben sprachlich seinen Anspruch geltend machte. Herausgehoben aus dem Rahmen des Heiligen, mußte die Sprache in dem für sie neu zu schaffenden Profanen eigene Wege sich bahnen, und damit mußten Fehlerquellen entstehen gegen ein einem anderen Sprachstudium entsprechendes, anders geartetes Sprachgesetz, ohne daß die entstandenen „Sprach-Fehler" Vergehen zu sein brauchen gegen den überzeitlichen Sprachgeist. Es gibt einen zeitlichen Sprachgeist, der in verschiedenen Sprachperioden verschiedenartig ist. Jede Sprache hat ein organisches Wachstum, eine organische Entwicklung. Der Fehler von heute kann morgen schon geduldet und übermorgen schon zur Regel erhoben werden. In einer organischen Entwicklung fragt die Sprache nicht nach den Gelehrten; sie nimmt ihren eigenen Weg im Munde der Sprechenden. Der Forscher kann nur die Wege nachspüren. Aber da es gilt, immer neuen Menschen ohne jedes Wissen die Kenntnis zu vermitteln, muß die neue Erkenntnis aufgezeigt werden. Unserer Sprache drohen Gefahren wie keiner anderen. Ein immerwährender Zuzug neuer, dem Idiom fremder Menschen, bringt neue, u n o r g am