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Der jüdische Wille · 1936-05-01 · Heft 4-5 (Mai 1936) · page 16

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Journal
Der jüdische Wille
Volume
4 (1936)
Issue
Heft 4-5 (Mai 1936)
Date
1936-05-01
Page
– (sequence 16)
Language
German
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jede gegen die abgeleitete und aufgestellte Grammatik sich vergehende Unebenheit mit Stumpf und Stil ausrotten. Dagegen gibt es Sprachgebildete, unter ihnen Lehrer und Schriftsteller, die in gleichen Unebenheiten nicht mehr einen Fehler, sondern vielmehr Entwicklung der lebenden Sprache sehen. Es fehlt, trotz des Sprachrats in Jerusalem, eine Instanz — kann sie überhaupt geschaffen werden? —, die die Autorität hätte, zu entscheiden und ihre Entscheidung im lebendigen Sprachraum durchzusetzen« Wir bedürfen also einer neuen, autoritativen Darstellung, und wir werden nicht umhin können, bei einer solchen Darstellung der hebräischen Sprache und ihrer Grammatik die Erkenntnisse durchzusetzen, die sich beim Studium des lebendigen Idioms ergeben. Dabei bedarf es eines feinen Sprachinstinktes, neben einer fundierten Sprachkenntnis, um zu erfühlen, was im gesprochenen Idiom wirklicher Unkenntnis und fehlerhaftem Sprachsinn entspringt, bzw. was der Natur des Sprechenden adäquat ist und organisch sprachliche Fortentwicklung bezeugt. Dabei ergibt sich die Frage, ob wir berechtigt sind, eine neue Darstellung zu geben, oder ob nicht vielmehr die Jahrhunderte hindurch bestandenen sprachlichen Gesetze auch für uns heute noch Geltung haben. Zugestanden ist die notwendige Erneuerung für fachliche termini, die noch nicht in der Sprache bestanden. Dürfen wir aber, darüber hinaus, uns über Bestehendes hinwegsetzen? Müssen wir nicht vielmehr jedes alte, ehrwürdige Sprachgesetz achten und jede dagegen verstoßende Erneuerung verpönen? In diesem Punkte ist eine wichtige, prinzipielle Betrachtung vonnöten. Bezüglich des Gesetzmäßigen findet sie wesentlich auf die Grammatik ihre Anwendung. Für die Grammatik, deren Kenntnis für die Lernenden Fundierung jeder Sprachkenntnis ist, gilt dabei: Unsere Grammatik ist, wie die jeder Sprache, abgeleitet. Quelle der Ableitung aber war nicht das im Munde der Sprechenden lebendige Idiom, sondern das geschriebene Wort, die Bibel. In einigen Teilen hat dieser Sprachtext mehr als Jahrtausende bestanden und war nur mündlich präzis tradiert worden, ehe aus dem fixierten Text die grammatische Ableitung erfolgte. (Das Deborahlied, Richter cap, V, wird gegen 1250 v. Chr. angesetzt. Die ersten grammatischen Werke stammen von Saadja, gest. 942 n. Chr., Jehuda Chajjug, etwa 1000 n. Chr. und Jona ibn Gaannach, etwa 1040 n. Chr.) Die ersten Grammatikwerke selbst waren nicht in hebräischer, sondern, in arabischer Sprache verfaßt. Die hebräische Sprache hatte in ihrem grammatischen Bestand die Geltung bekommen, die einem weit zurückliegenden Stadium lebendiger Sprache entsprach. Die Sonderbeziehung der Juden zu ihrer Sprache wahrte diesen sprachlichgrammatikalischen Bestand. Die Sprache war aus dem Lebensraum des Profanen herausgehoben, sie wurde gehütet ab heiliges Gut. Sie war Ausdrucksmittel des religiösen Gehalts, Organ des religiösen Schrifttums, das ungeändert gewahrt bleiben mußte. Die Hand, die sich vermessen hätte, daran zu ändern, hätte Sünde auf sich geladen. Der heilige Rahmen, selbst bei Bedienung der Sprache im philosophischen und literarischen Schrifttum, konnte um so eher gewahrt bleiben, die Profanierung um so eher vermieden werden, als die Voraussetzungen für die Entwicklung des alltäglichen Sprachguts nicht gegeben waren: Es fehlte das eigene Land und der eigene Lebensraum, in dem die Sprache als einziges und alleiniges Ausdrucksmittel, in Anpassung an das alltägliche Erfordernis, eine organische Entwicklung hätte durchmachen können wie alle lebendig gebliebenen Sprachen. Religiöser Konservativismus half, im Gegenteil, altes Sprachgut mit peinlicher Genauigkeit zu wahren* Das Zitat, dessen Wesen seine Wörtlichkeit war, wurde vorherrschend. Zitierte Worte, Worte Gottes und Worte der Weisen wurden gehäuft. Die Häufung 106

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