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Der jüdische Wille · 1936-05-01 · Heft 4-5 (Mai 1936) · page 7

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Journal
Der jüdische Wille
Volume
4 (1936)
Issue
Heft 4-5 (Mai 1936)
Date
1936-05-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
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haben deshalb auch in jeder Epoche Persönlichkeiten oder wenigstens eine Persönlichkeit, die diese beiden Substanzen in sich vereinigt. Es gibt viele Beispiele hierfür: Friedrich der Große, Peter der Große, Goethe, und viele andere mehr. Hat ein Volk nicht das Glück, diese Elemente bei einer Persönlichkeit vereinigt zu sehen, dann schenkte wohl das Schicksal jeder Epoche ein Paar von Persönlichkeiten, die sich gegenseitig ergänzen. Solche Persönlichkeitspaare kennt die Weltgeschichte zur Genüge; Piaton und Dionys, Sokrates und Alkibiades, Aristoteles und Alexander, Rousseau und Robespierre. Auch wir Juden machen da keine Ausnahme. Unsere Geschichte kann beide Linien aufweisen. Die eine Linie führt über Moses, den Gesetzgeber am Sinai und den politischen Eroberer, über David, den lyrischen Psalmisten und den Heldenkönig der Philisterkämpfe, zu Rabbi Akiba dem großen Tanaisten und Anhänger Bar-Kochbas. Die andere Linie führt über Esra und Nehemia, wo sich Geist und Tat zu einem einmaligen historischen Bündnis paarten, über den politischen Praktiker Pinsker und den Kulturphilosophen Achad Haam, zum Staatsmann Theodor Herzl und seinem geistigen Dichtervis-a-vis Bialik. In diese Betrachtung gehört Sokolow mit eingefügt. Die erste Linie ist jetzt um eine Station verlängert. Der dreitausendjährige Bogen, der die jüdische Geschichte umspannt, weitet sich hierdurch um einen neuen Begriffswinkel: Sokolow. Denn das ist das einzig Systematische und Wahre, was man über ihn sagen kann. Er war ein Mann des Buches und ein Mann der Tat, der Idee und des Konkreten, des politisch Tagtäglichen und des geistig Abstrakten. Er hat jene beiden Welten in sich vereinigt, die ein Volk besitzen muß, damit es normal leben kann, und die jeder besitzen muß, der als der beste Repräsentant dieses Volkes betrachtet werden soll. Auch hier bewahrheitet sich unser Ausgangspunkt: Kaleidoskopartig spiegelt sich in ihm das jüdische Wesen wieder. IV. Weil Sokolow so war, wie er eben war, glaubte er wie das jüdische Volk an unsere Zukunft. Ja er glaubte sogar an die sichere geistige Zukunft des deutschen Judentums. In einem Aufsatz, den er im Heatid vor 13 Jahren veröffentlichte, heißt es: „Ich glaube nicht daran, daß das deutsche Judentum untergehen wird, auch wenn es in einem anderen Lande untergeht. Es geht nicht um ein Land, sondern um das ganze jüdische Volk ... und der ewige Bestand des Volkes ist mir sicher." Möge unsere Generation an der Bahre dieses großen Juden sein Erbe im Glauben antreten. 97

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