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Der jüdische Wille · 1936-05-01 · Heft 4-5 (Mai 1936) · page 6

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Journal
Der jüdische Wille
Volume
4 (1936)
Issue
Heft 4-5 (Mai 1936)
Date
1936-05-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Anormale und Kleine, Erhabene und Einfache, Vielseitige und Enge, Zähigkeit und Willensschwäche, dieses ganze Gemisch von autochtonen und in der Fremde angenommenen Eigenschaften treten — wie es nach einem soziologischen Gesetz nicht anders möglich tet — auch bei Sokolow in Erscheinung. Er war schon als junger Schriftsteller in gewissem Sinne alt. Er betrachtete die Dinge immer von einer gewissen Höhe aus und stand über ihnen. Abgeklärt im Alter ist er bis in die letzten Tage seiner 75 Lebensjahre beständig jung geblieben. Seit der klassischen Figur Leibniz' kenne ich keine Persönlichkeit mit einer so produktiven Vielseitigkeit wie Sokolow. Ein Parallelstück zum Verhältnis des jüdischen Volkes zu den andern. Er hatte wie das jüdische Volk nicht einen Weg, sondern viele Wege. Er kannte seine Welt aber genau so gut wie den Wunsch der Massen und hatte ein feines Fingerspitzengefühl, ihnen in jeder Minute auch etwas von dem zu sagen, was sie zu hören wünschten. Breinin, Salman Epstein und Berdyczewski stellen ihm zusammen das Zeugnis aus, daß er ein genialer Mittler geistiger Güter war, aber ein durchschnittliches Original. Auch dies eine vermeintliche Eigenschaft des jüdischen Volkes. Sokolow ist als Stilist ungeheuer verschwenderisch. In der Pointierung, im Wort, in der Farbe, im Ton und im Ausdruck. Sein Stil ist eine Skala sämtlicher Stil- und Ausdrucksarten aller jüdischen Epochen und Generationen. Genau so ist sein Hebräisch ein Mosaikbau des gesamten Judentums. Es ist rabbinistisch und modern, es ist neuhebräisch, es ist kabbalistisch und europäisch, und dies alles zugleich in einem Satz nebeneinander. Wenn man liest, hat man das Gefühl, daß es sich hier wirklich um einen nie versiegenden Quell handelt, und daß es sich hier um einen Menschen handelt, der kraft seines überströmenden Reichtums sich irgendwo zwischen Tür und Angel hinsetzen kann und mit einer nie gehörten Leichtigkeit stundenlang zu schreiben imstande ist. Deswegen haben seine Werke auch nie einen Schluß, deswegen fehlt ihnen ein eigentlich architektonischer Bau. Berdyczewski hat einige interessante Bilder gebraucht, die sein Wesen einigermaßen illustrieren. Sokolows innere "Welt sei eine Klinik, in der sich alles, was der menschliche Organismus besitzt, befindet. Kopf und Herz, Hände und Füße, nur zuweilen ungeordnet, durcheinandergeworfen und nebeneinander liegend. Man kann seine Persönlichkeit nur durch das Prisma des kollektiven jüdischen Ichs sehen. Hier allerdings offenbart sich eine grandiose Linie. III. Jedes gesunde Leben eines Volkes setzt sich aus zwei Elementen zusammen. Aus dem physischen und aus dem psychischen, aus einer Erde und aus einem Himmel, aus politisch Konkretem und aus geistig Abstraktem oder aus T a t und Idee. Jedes gesunde Volk hat die beiden Elemente immer gleichzeitig. Hört die Gleichzeitigkeit dieser Elemente bei einem Volke auf, dann ist sein Gleichgewicht gestört, und es lebt anormal. Alle gesunden Völker 96

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