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Der jüdische Wille · 1936-05-01 · Heft 4-5 (Mai 1936) · page 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der jüdische Wille
Volume
4 (1936)
Issue
Heft 4-5 (Mai 1936)
Date
1936-05-01
Page
– (sequence 5)
Language
German
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ließ ihn handeln* So ist er der große Staatsmann für sein jüdisches Volk geworden. Dies ist eine hervorstechende Seite seines Wesens, Und es gibt ein anderes noch. Man wird die Geschichte der hebräischen Literatur nicht schreiben können, ohne sehr lange bei diesem Manne verbleiben zu müssen. Und nicht nur deswegen, weil er ungeheuer vielfältig war in seiner literarisch-wissenschaftlichen Produktion, sondern weil er auch hier der Vater einer ganzen Generation wurde, sozusagen der hebräische Mendele dieser Epoche. Sokolow, der Ostjude, der sich schon in den jungen Jahren seines Lebens westeuropäischer Kultur zuwandte, hatte einen eigenartigen Blick in die Welt: er sah alles Jüdische mit dem Auge eines Westeuropäers, und alles Europäische mit dem Auge eines Juden. Daher sein „Europäertum" in der hebräischen Literatur. Daher seine strenge Forderung an die junge hebräische Generation. Andererseits ist er der Mann, der aus allen Quellen jüdischen Geistes schöpft, der sich deshalb nie verliert, weil ihn die andere Welt nicht blendet, nicht blenden kann, da er doch aus viel tieferen, aus ewigen Quellen schöpft. Und auch diese Seite •eines Wesens ist so ungeheuer reichhaltig und vielfältig, daß es von keiner Formel eingefangen werden kann. Wo soll man hier anfangen? Sokolow schrieb in hebräisch, jiddisch, russisch, englisch, französisch, deutsch und beherrschte alle diese Sprachen auch in Vollkommenheit. Und so universal und nach allen Richtungen hin tendierend sein politisches Leben war, so divergierend sind die Tendenzen seiner literarischen Tätigkeit. Er schrieb eine Geschichte des Antisemitismus und eine Geographie Palästinas, schrieb die Geschichte des Zionismus und ein großes Werk über Spinoza, behandelte in seinen „Jahresbüchern" soziologischkulturelle Themata im Stile Achad Haams und schrieb andererseits Kritiken, politische Aufsätze, Reisebetrachtungen, Memoiren in einem Stil, der ihn zu Achad Haam in größten Kontrast stellt. Nur wenige Monate vor seinem Tode erschien ein mehrbändiges Werk „Ischim", das von der besonderen Jugendlichkeit und Frische dieses Greises zeugt. Ein Titel eines seiner Bücher, das im Jahre 1930 in New York erschienen ist, scheint in gewissem Sinne symbolisch für sein Wesen zu sein — und vielleicht kommt man ihm hier am nächsten —? „haani hakibbuzi", das kollektive Ich — . . . wenn man überhaupt den Versuch unternimmt, etwas auszusagen über dieses so überaus reiche, mit allen Ornamenten ausgeschmückte jüdische Wesen dieses Mannes, in dem sich alle dunklen und hellen Farben jüdischen Schicksals widerspiegeln, alle Dur- und Moll-Töne jüdischen Volkslebens wieder zu Gehör kommen — wenn man dieses Unterfangen also überhaupt wagt, dann ist dieser Name wohl der geeignetste, für eine Formel verwandt zu werden: er war das kollektive Ich des Jüdischen Volkes. IL Das 3000 jährige Leben des jüdischen Volkes ist eine feinziselierte Filigranarbeit mit einer merkwürdigen Verteilung von schwarz und weiß und alle« 95

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