Mannheim
Compact Memory

Der jüdische Wille · 1936-03-01 · Heft 3 (März 1936) · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der jüdische Wille
Volume
4 (1936)
Issue
Heft 3 (März 1936)
Date
1936-03-01
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2827066-3186705-3186707--1198-3187266
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

jektes haben wohl gehört, daß ein Londoner Hafenarbeiter ebensoviel Vokabeln in seinem Sprachschatz hat, vielleicht haben sie sogar, wenn sie gebildet sind, gelesen, daß es primitive Wilde gibt, die mit weniger Vokabeln auskommen« Warum soll der Immigrant mehr können? Nicht er wird auf die Stufe eines primitiven Wilden herabgedrückt, sondern sein Hebräisch! Und das ist nicht so arg! Besonders da der Lehrer und Examinator dann unbedingt ein gewisses Prä vor seinem Prüfling haben würde. Nun, was uns anbetrifft, uns sollte doch ein verbesserter Religionsunterricht näher am Herzen liegen als ein schlechter hebräischer! V. Wir wollen uns nicht täuschen. Die Vokabeln machen das Wesen einer Sprache nicht aus, obwohl auch in ihnen, besonders in ihrer gegenseitigen Beziehung zueinander, in ihrer Ableitung voneinander, die Psyche des sie sprechenden Volkes sich offenbart, Beispielsweise, ein Satz wie dieser: „Bei der Jezieka hat der Poel den Amud versaut, wir werden das Reschet nicht anbringen können" ist, ungeachtet der in ihm vorhandenen zahlreichen hebräischen Vokabeln, ein deutscher Satz, keineswegs ein hebräischer. Ich habe ihn aber in „Erez" gehört und nicht etwa in Deutschland, Wollen wir, daß unsere Olim einer derartigen Sprache sich bedienen? Nein! Mir ist es tausendmal lieber, wenn der Ole einen hebräischen Satz spricht, und wo er sich nicht zu helfen weiß, ein deutsches Wort einstreut« Er spricht dann trotz einiger fremder Vokabeln doch immerhin hebräisch. Wir müssen richtiges Hebräisch verlangen können, nicht nur vom Ole selbst, sondern in erster Linie von dem Lehrer, dem die Hebraisierung des Ole anvertraut ist. Wir können es keineswegs dulden, daß Kreti und Pleti als Konjunkturnutznießer uns glaubhaft machen können, Lebensgesetze einer Sprache seien unwichtig, nur weil der „Lehrer" keine Ahnung davon hat. Und noch etwas ist zu sagen: mir ist ein guter Religionsunterricht viel sympathischer, als ein schlechter hebräischer. Denn vom ersteren hat man was, bei letzterem muß jeder Gewinn zu einem Verlust werden, da der Schaden sich sehr schwer beseitigen läßt. Mitunter sogar niemals. Warum — diese Frage wirft sich auch dem unbefangenen KJVer auf — müssen zionistische Instanzen Forschheit markieren und Religionsunterricht herabsetzen? Letzteres nur so nebenbei, VI. Hebräisch ist unsere Nationalsprache. In der Sprache spiegelt sich die Psyche des Volkes. Ist das Volk fremden Einflüssen ausgesetzt, so ist es nicht minder seine Nationalsprache. Beides, sowohl Volk als auch Sprache, sind im steten Wandel begriffen. Man soll nie Chauvinist sein. Eine Sprache läßt sich nicht abkapseln. Abkapselung wäre gleichbedeutend mit Tod der Sprache. Sie muß sich stets erneuern, muß vieles aufnehmen und auch vieles ausscheiden. Aber alles hat natürlich seine Grenzen, Es kann nicht dauernd wahllos aus fremden Sprachen aufgenommen werden. Weder in lexikalischer noch in stilistischer Hinsicht. Denn dann beginnt eine Verkümmerung und eine Verschandelung der Sprache, gegen die anzukämpfen vornehme Pflicht eines jeden bewußten Zionisten ist. Wir wollen unseren Olim eine jüdische Psyche beibringen, wir wollen sie zu Juden machen. Wir wollen sie zu unserer Nationalsprache zurückführen, wir wollen ihnen Hebräisch beibringen. 74

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.