Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- 4 (1936)
- Issue
- Heft 3 (März 1936)
- Date
- 1936-03-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Man sieht also, daß auch hier, wie sonst vielfach in der Welt, gerade die Außenseiter, auf die besten Ideen gekommen sind« Und willst Du in des Dichters Land gehen, so mußt Du des Dichters Sprache lernen! Insbesondere dann, wenn Du Dir in diesem Lande „eine Existenz schaffen" willst! Da kann man natürlich ohne Sprachkenntnisse nicht gut auskommen. Man wäre einfach „aufgeschmissen". Und so begann im April 1933 ein Run auf Hebräisch! ... Man lernte Hebräisch mit genau demselben Eifer, wie man beispielsweise Spanisch gelernt hätte, wenn Südamerika als Einwaderungsland in Betracht gekommen wäre. Man hätte ebensogut portugiesisch, englisch und weiß Gott noch was gelernt« A propos: man stürzte sich auch mit nicht minderem Eifer auf diese letztere Sprachen. Weil zu ihnen ein ebenso inneres Verhältnis bestanden hatte, wie zum Hebräischen. Und wenn so mancher durch die Beschäftigung mit Iwrith endlich zu der Ueberzeugung gelangt ist, daß hebräisch anders ist, als andere Sprachen — nicht etwa weil es schwerer ist, und für „Europäer" nicht erlernbar — daß es nicht Fremdsprache ist, sondern Nationalsprache, so dürfen wir das als Gewinn buchen. II. Dem Ansturm auf Hebräisch standen unsere zionistischen Instanzen ratlos gegenüber. Mit einer bewunderungswürdigen, von keiner Sachkenntnis getrübten Ahnungslosigkeit, die jedem A-Zionisten und sogar Anti-Zionisten Ehre gemacht hätte, standen sie diesem Problem gegenüber. Und so kam, was kommen mußte. Die Bewegung nahm elementare Gewalt an. Und ... ging in ein falsches Fahrwasser. Als es hieß, daß Landwirte die meisten Aussichten haben, nach Palästina zu kommen, da meldeten sich auf dem Palästina-Amt lauter Bauern, Landwirte, Gärtner usw. Alle mit Zeugnissen! Wir wußten gar nicht, welch innige Beziehung unsere Kaufleute, Angestellte, Händler usw. zur Landwirtschaft hatten. Als Bedarf an hebräischen Lehrern aufkam, stellte es sich ebenso plötzlich heraus, daß ungeahnte Massen von Ostjuden perfekte Hebräer sind. Als ob sie ihr Leben lang nichts anderes getan hätten als hebräisch studieren! Daß sie vielleicht auf Medizin, Jus (den beiden „Wissenschaften des Judentums") und anderen Fakultäten inskribiert waren, daß es jüdische Lehrinstitute gab mit hohem wissenschaftlichem Niveau (von Gesinnung ist vielleicht zunächst abzusehen), die von diesen „Lehrern" nie besucht wurden, tat nichts zur Sache. Sie waren die „Hebraisten par excellence"! Sozusagen: bis 1933 verhinderte Hebraisten. — Wir wußten gar nicht, wie reich wir an Hebraisten waren. Unsere maßgebenden Instanzen, die die Sache eigentlich fest in die Hand nehmen sollten, sogar müßten, haben total versagt. Es war bei ihnen beinahe zum Grundsatz erhoben: sprach ein Ostjude, zumal wenn er hier studiert hatte, schlecht oder mit Akzent deutsch, so war er perfekter Hebraist. III. Kurse schössen aus dem Boden wie Pilze nach einem Regen: Schnellkurse, Rapidkurse, Sprechkurse für Neu-Hebräisch und dergleichen. Eine heillose Verwirrung. 72